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Stalingrad - Bilder einer erbitterten Schlacht

Stalingrad - Bilder einer erbitterten Schlacht

Der Kampf um Stalingrad in einer Dokumentation von Bildern, Fotos, Karten, Filmen, Plänen, Berichten und Beschreibungen.

 

 

Als Artillerist in Stalingrad         Publikationen         Aquarelle eines Überlebenden         66 Jahre nach Stalingrad

 

 

Wigand Wüster als Artillerist in Stalingrad

- Aufzeichnungen eines Schlachtteilnehmers -

 

Dr. Wigand Wüster * 11.08.1920  † 29.01.2017

 

Oberleutnant Wigand Wüster im August 1942 in der Nähe von Charkow (Ukraine)

 

Sommeroffensive 1942 im Süden der Ostfront: Eines der Ziele war Stalingrad. Hier sollte der Teil des militärischen Nachschubs abgeschnitten werden, den die Alliierten von Süden her der Sowjetunion zukommen ließen. Diese gewaltigen Lieferungen nahmen den Weg durch den Iran und wurden über die Wolga ins Land verschifft. Darüber hinaus sollte Stalingrad selbst, als eines der größten und wichtigsten Rüstungszentren der Sowjets, ausgeschaltet werden.

 

Marsch zur Wolga

 

Mit Jahrgang 1920, war ich zweiundzwanzigjährig Chef einer Artilleriebatterie, die der 71. Infanterie-Division angehörte. Die 71. befand sich im Verband der 6. Armee und zu dieser Zeit auf dem Vormarsch zum Don. Bei Nischne Tschirskaja und beim Bahnhof Tschir gab es auch für unsere schwere Abteilung vermehrt harte Einsätze.

 

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Inspizierung eines russisches Schlachtflugzeuges an der Don-Hochstraße zwischen Tschir und Kalatsch.

 

Wegen der von höheren Stäben befohlenen wechselnden Schwerpunktbildungen fuhren wir häufig hinter der Front herum, ohne überhaupt zum Schuss zu kommen. Diese Methode war uns inzwischen nicht mehr neu. Aus unserer Sicht hatten die klugen Herren immer noch nicht dazugelernt, denn unnötig wurden unsere Kräfte verzehrt und teils wichtige Gelegenheiten zum Gegenschlag vertan. Weiter nördlich lief bereits die Schlacht um den Donübergang. Die erstmals 1942 bei Charkow zum Einsatz gekommene 384. Infanterie-Division verblutete, nachdem sie schon in der Charkow-Schlacht übermäßig gelitten hatte. Als die Russen später bei Stalingrad den Kessel schlossen, wurde sie endgültig zerrieben und aufgelöst. Ihren entbehrlich gewordenen Kommandeur hatte man noch rechtzeitig ausgeflogen. Innerhalb eines guten halben Jahres ist so eine ganze Division verbraucht worden. Während eines russischen Feuerüberfalls auf meine 10. Batterie waren unsere bis dahin freundlich-zuverlässigen Hiwis (Hilfswillige) verschwunden. Wir hätten wohl besser auf sie aufpassen müssen. Noch war leicht Ersatz unter den reichlich zukommenden Kriegsgefangenen zu finden.

 

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Ein KW-1 Beutepanzer, der von meiner Batterie zu einer Zugmaschine umgebaut werden sollte.

 

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Das Innere dieses Panzers . Die Reparatur und der Umbau glückten letztlich nicht.

 

Wir waren insgesamt viel zu sorglos. Nachts wurden kaum Wachposten aufgestellt. Oft waren nur die Nachrichtenleute wach, um Befehle oder Feuerkommandos entgegenzunehmen. Mit wenigen entschlossenen Leuten des Gegners wäre unsere Batterie leicht zu überrumpeln gewesen. Doch glücklicherweise ist das in meinem Umfeld nie geschehen. Bisher hatten sich unsere Verluste bei der schweren Artillerieabteilung auch im Jahr 1942 in Grenzen gehalten. Man dachte mehr an die Strapazen des Vormarsches als an die übliche Gefahr. In der Nacht zum 11. August 1942, meinem 22. Geburtstag, marschierte die Batterie auf einer breiten sandigen Rollbahn entlang des Don-Steilufers. Irgendwo weiter nördlich sollte über den Strom gesetzt werden. In welcher Reihenfolge marschiert wurde, war mir unbekannt. Es mussten aber schon Teile der Abteilung voraus sein. Ich hatte meinen Marschbefehl erhalten und führte ihn ohne Kartenmaterial und ohne Hinweise zur allgemeinen Lage aus. Sicherungsmaßnahmen waren nicht befohlen, schienen also entbehrlich.

 

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Blick auf eine brennende Ortschaft am Don.

 

Als es gegen 3 Uhr früh rechts voraus, unten am Don, schoss. Es war fast ausschließlich Infanteriefeuer. Niemand von uns empfand das als alarmierend. Die schläfrige Gemütlichkeit fand erst ein jähes Ende, als ein Meldereiter auf uns zugaloppiert kam und meldete, die Russen seien über den Don und hätten die 11. Batterie vor uns auf der Rollbahn überrannt. Wo waren die Stabsbatterie und die 12.? Keine Ahnung. Was war zu tun? Weitermarschieren war zu riskant - umkehren, ausreißen? Auch das ergab keinen Sinn, hätte sogar fatale Folgen haben können. Selbst hinter uns konnten die Russen ja schon über den Don sein. Zwischen Don und Rollbahn befanden sich keine eigenen Truppen mehr. Sollte ich den Kommandeur um Befehle angehen? Das ging nicht, denn sein Aufenthalt war unbekannt. Balthasar war wieder aus dem Lazarett zurück. „Abwarten ist nie verkehrt.“, dachte ich. So ließ ich alle Fahrzeuge in einem Wäldchen in Deckung fahren und die 4 Haubitzen getarnt zum Don hin feuerbereit machen. Damit stellte ich zwar einen schnellen Abmarsch infrage, aber bei Erscheinen der Russen hätte ich anders meine Geschütze nicht mehr zum Einsatz bringen können. Beobachtungsposten schickte ich zur Rollbahn vor und richtete mit allen verfügbaren Leuten eine Nahverteidigung der Feuerstellung ein, in der unsere beiden abmontierten Fla-MG mit Verwendung fanden. Schließlich schickte ich Leutnant Lohmann mit zwei Funkern nach vorn, um bei ausreichender Helligkeit auf den Gegner zu feuern. Die Rollbahn blieb wie leergefegt. Von vorn kam nichts zurück und von hinten folgte niemand mehr. Wir fühlten uns einsam und verlassen auf weiter Flur. Zunehmendes Infanteriefeuer war zu vernehmen. Unruhig und frierend standen alle herum. Lohmann meldete sich über Funk. Es war inzwischen ziemlich hell geworden. Über die Lage konnte er nichts Genaues berichten. Aber er hatte eine russische Übersetzstelle erkannt und meldete Boots- und Floßverkehr. Also schießen, damit überhaupt etwas geschah. Unser Artilleriefeuer war wohl ein Hoffnungsschimmer für die 11. Einige Reiter und Kanoniere zu Fuß, kamen in unsere Feuerstellung und berichteten, dass der Russe plötzlich aus dem Dunkel ihre marschierende Batterie überrannt hatte. Geschütze und sonstige Fahrzeuge ständen noch bespannt auf der Rollbahn. Man habe knapp das eigene Leben gerettet. Der Batteriechef kämpfe mit den meisten Kanonieren infanteristisch gegen die vorgehenden Russen. Wo war der Rest dieser Abteilung? Das Infanteriefeuer kam näher und dann rannten unsere Melder auf uns zu: „Die Russen kommen!“. Das war nun eine wirklich heikle Situation. Ich wies die Geschützführer für den Direktbeschuss ein, teilte Munitionsträger zu und stellte unter Führung von zwei Wachtmeistern „Schützenkorps“ auf, die so früh wie möglich das Gewehrfeuer eröffnen sollten. Nur die Fahrer blieben bei ihren Pferden in Deckung. So konnten sie vielleicht bei zunehmender Gefahr noch entkommen.

 

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Mit der Einheit über die Brücke eines kleineren Flusses.

 

Als sich die ersten Gestalten auf der Rollbahn gegen den Morgenhimmel abhoben, zögerte ich kurz, um ganz sicher zu sein, dass es wirklich Russen waren und nicht etwa zurückziehende eigene Leute. Ich gab das Kommando, welches ich in Polen als Geschützführer so oft gehört hatte: „Geschützführer - Feuer Frei!“ „Entfernung - 1000 Meter.“ Damit war der Bann gebrochen, der Druck im Hals ließ nach. Fast besser als beim Salveschießen verließen vier Granaten die vier Rohre. Noch ehe nachgeladen war, feuerten auch meine Schützen und die MGs. Die Russen konnten jedenfalls nicht mit unserer Batterie gerechnet haben. Sie stutzten und zogen sich heftig feuernd zurück. Offenbar bekamen sie auch an ihrer rechten Flanke Infanteriefeuer. Das konnten die Reste der 11. Batterie gewesen sein. Meine Schützen griffen jetzt mit ein, gingen offen vor und schossen stehend auf den Gegner. Lohmann meldete sich erneut. Er beobachtete zurückziehende Russen und bekämpfte sie, wie auch die Übersetzstelle, mit indirektem Beschuss.

 

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Die Protze wird mit vereinten Kräften in Stellung gebracht.

 

Für unsere 10. Batterie war noch einmal alles gut gegangen. Ich war stolz auf meine Kanoniere, die bisher noch nie unmittelbar mit dem Gegner in Berührung gekommen waren. Die Männer hatten ihre Arbeit mit ruhiger Selbstverständlichkeit verrichtet, allerdings hätten die Gewehrschützen sich hinlegen sollen, um keine Zielscheiben zu bilden. Eine genauere Einweisung vorher wäre wichtig gewesen. Nun hatten sie keine infanteristische Ausbildung und ich auch nicht. Keiner der Leute verdrückte sich heimlich, obwohl die Möglichkeit dazu bestand. Nach einiger Zeit kam Oberstleutnant Balthasar angeritten, über den ich mich wegen einer ungerechtfertigten Disziplinarstrafe beschwert hatte. Ich traf ihn zum ersten Mal nach seinen Brandverletzungen, die offensichtlich gut abgeheilt waren. Er war guter Dinge. Die Fahrzeuge der 11. Batterie und Stabsbatterie waren zurück gewonnen. Sie hatten noch auf der Rollbahn gestanden, ohne nennenswerten Schaden genommen zu haben. Der Russe war durch unseren Artilleriebeschuss, der ja auch ihre Übersetzstelle bedrohte, kopflos geworden. Jetzt wich er vor den „infanteristischen Artilleristen“ zurück. Auf der Rollbahn kam eine motorisierte Schützenkompanie der 24. Panzer-Division von Süden herangefahren, um die Situation zu bereinigen. Balthasar wies die Hilfe zurück, da er alles im Griff habe und dankte für das Angebot. Ich war mir da nicht so sicher, hielt aber den Mund. Gerne hätte ich der Infanterie den Vortritt gelassen und nicht auf die eigene Improvisation gesetzt. Tatsächlich gewannen die Russen ihr Selbstvertrauen zurück, als sie erkannten, dass sie vor „Amateur-Infanterie“ geflohen waren. Sie formierten sich und gingen zum erneuten Angriff gegen uns vor. Lohmann erkannte das als erster und versuchte sie so gut wie möglich mit Artilleriefeuer zu belegen. Ich rechnete mit dem Schlimmsten und entsandte Unteroffiziere der Protzenstellung, um nach Hilfe Ausschau zu halten. Diesmal gerieten meine Leute in Panik, als sie über die Rollbahn hinweg zu uns in die Feuerstellung zurück kamen. Die Jungs machten keinen so guten Eindruck mehr. Sie waren völlig außer Atem und erzählten schreckliche Dinge. Die 11. Batterie wurde erneut überrannt, weil dort fast alle Leute Infanterie spielten und nur wenige Fahrzeuge in der kurzen Zeit von der Rollbahn abgezogen werden konnten. Als meine Batterie gerade wieder zum Direktbeschuss übergehen musste, erschien aus Richtung Protzenstellung eigene Infanterie aus den Büschen. Es wurde schließlich ein ganzes Bataillon unserer Division, das da gegen den Feind vorging. Endlich war der Bann gebrochen. Die Infanteristen gingen die Sache von Anfang an mit mehr Geschick und Routine an, setzten ihre MGs und Granatwerfer ein und waren im Gelände kaum wahrzunehmen, wo wir Artilleristen vorher in dichten Haufen herumgelaufen waren. Als mein „Schützenkorps“ neuen Mut fasste und sich der Infanterie anschließen wollte, winkte ein Kompanieführer dankend ab. Die Unterstützung durch unerfahrene „Schlachtenbummler“ sei keine Hilfe, eher eine Belastung. Der Soldat der Artillerie konnte zwar mit dem Karabiner schießen, doch darüber hinaus fehlte ihm jede infanteristisch-taktische Ausbildung. Daher gerieten wir stets in Bedrängnis, wenn es zum Nahkampf kam. Zur Ehre meiner Leute muss aber gesagt werden, dass sie sich am Geschütz stets gut gehalten haben, selbst unter stärkstem gegnerischem Feuer. Auch die Munitionsfahrer standen ihren Mann. Leutnant Lohmann war die ganze Zeit nicht in Schwierigkeiten geraten. Er griff erneut in das Geschehen ein, schoss auf die weichenden Russen und vor allem auf die Übersetzstelle, die sie für ihren Rückzug nutzen wollten. Die Feuerstellung der 10. Batterie wurde zum Sammelpunkt für versprengte Teile der Abteilung. Die 12. Batterie schien unbeteiligt geblieben zu sein. Sie war wohl zu weit voraus, als der Spuk begann. Bei der 11. und der Stabsbatterie hatte es, hauptsächlich in der zweiten Phase schwere Verluste gegeben, als die Russen erneut angriffen. Der Batteriechef und der Batterieoffizier waren gefallen, der Abteilungsadjutant Schmidt wurde schwer verwundet. Ich sprach noch kurz mit Peter Schmidt, der mir unter Schmerzen seine Enttäuschung über Balthasar bekannt gab. Er starb noch auf dem Hauptverbandsplatz. Der Führer des Artillerie-Vermessungstrupps, der junge übereifrige Leutnant Vahrenholz, war auch gefallen. Andere Offiziere trugen Verwundungen davon. Unteroffiziers- und Mannschaftsverluste waren relativ gering. Die Ursache dafür war, dass die selbst im Infanteriekampf unerfahrenen Offiziere zu viel hin und her gelaufen waren, um ihre Leute einzuweisen. Keiner wusste so recht, was zu tun war und wie er sich tatsächlich verhalten sollte. Erst waren sie in dichten Haufen losgerannt, hatten stehend freihändig geschossen und wurden plötzlich ängstlich. Die Leute verkrochen sich, um schließlich vor Furcht kopflos auszureißen. Auch unsere 10. hatte einige Ausfälle. Der Sanitätsgefreite, ein besser polnisch als deutsch sprechender Oberschlesier, war mit vorgegangen und von den Russen niedergemacht worden, als er einen zurückgebliebenen Verwundeten versorgte. Gerade dieser Mann hatte sich wiederholt durch mutige Pflichterfüllung bewährt. In seinem bewussten „Deutsch“ reagierte er empfindlich, wenn ihn seine Kameraden wegen seiner etwas holprigen Ausdrucksweise gehänselt hatten. Es sah nun schlecht bei unserer IV. Abteilung aus. Wie konnte Balthasar nur die motorisierten Schützen abweisen? Hätte er nicht alles tun müssen, um Infanterie heran zu bringen, zumal niemand die Stärke der übergesetzten Russen kannte? Unsere Verluste gingen daher weitgehend auf Balthasars Konto. Doch darüber sprach niemand. Balthasar erhielt sogar das lang ersehnte EK I. Mir wurde die Führung der 11. Batterie übertragen, die über keinen Offizier mehr verfügte. Die 10. konnte sich mit ihren verbliebenen zwei Leutnants selbst helfen. Der Vormarsch in Richtung Kalatsch am Don ging weiter. Für mich war es nicht einfach, mit den mir fremden Leuten, eine Batterie neu zu gliedern. Spieß und Unteroffiziere verhielten sich loyal, hatten aber vor allem ihre eigenen Belange im Auge und dachten erst in zweiter Linie an die Funktionsfähigkeit der gesamten Abteilung. Der gefallene Chef, der aktive Oberleutnant Bartels, einige Jahre älter als ich, hatte ein wirklich gutes Reitpferd hinterlassen - „Teufel“, ein kräftiger Rappe. Endlich hatte ich ein vernünftiges Pferd! Nach „Panther“ und „Petra“ hatte ich mich bei der 10. mit „Siegfried“ abfinden müssen. Der war zwar ein gut aussehender Gaul, aber zu schwach auf der Vorderhand. Viel war mit dem Tier nicht anzufangen. Seine Springleistungen waren dürftig. Wirklich wichtig war das allerdings nicht mehr, seitdem der Russlandfeldzug 1941 begonnen hatte. Reitveranstaltungen, bei denen man sich hätte profilieren können, fanden kaum noch statt. Die Pferde waren nicht mehr danach. Mit „Teufel“ erlebte ich ein paar schöne Reitertage. Wir hätten uns gewiss aneinander gewöhnt, wenn er nicht eines Tages ausgerissen wäre. Pferde liefen immer wieder weg. Alles Suchen blieb erfolglos. Wer hätte auch ein zugelaufenes gutes Pferd wieder herausgegeben? Vielleicht war „Teufel“ ja auch geklaut worden. Pferdeklau war ein beliebter „Sport“.

 

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Die Don-Überquerung unterhalb Kalatsch mit dem Pontonfloß, geschoben von einem Sturmboot.

 

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Aufnahmen von unserer Don-Überquerung.

 

Kalatsch war inzwischen in deutscher Hand. Der Brückenkopf auf dem Ostufer des Don war ausreichend gesichert. Deutsche Panzer stießen bereits auf Stalingrad vor und unsere Batterie wurde nachts, weiter südlich von den Divisionspionieren, im Fährbetrieb über den Strom gebracht. Die Übersetzstelle lag unter Störfeuer. Sogenannte „Nähmaschinen“ (langsam fliegende russische Doppeldecker) warfen Leuchtschirme und dann ihre Bomben ab. Es ging dennoch alles gut. Auf der Ostseite des Don herrschte einige Verwirrung. Es gab kurze Einsätze in verschiedenen Richtungen. In dem sandigen Gelände war es schwierig mit den Geschützen herumzukarren. Dann hieß es: deutsche Panzer seien bereits nördlich von Stalingrad bis zur Wolga vorgestoßen. Wir fanden eigene Flugblätter, auf denen Stalingrad von deutschen Panzern eingekreist war. Davon merkten wir aber nichts, denn die Russen leisteten heftigen Widerstand. Weder sahen wir deutsche noch russische Panzer. Erstmals traten jetzt in stärkerem Maße russische Flugzeuge auch tagsüber in Erscheinung. Diese modernen einmotorigen Schlachtflugzeuge stürzten sich im Tiefflug mit feuernden Bordwaffen und Raketen auf unsere langsamen Kolonnen. Auch Bomben warfen sie ab. Die hummelartigen Ratas aus dem Jahre 1941 sah man nicht mehr. Wenn die Flugzeuge quer zur Marschrichtung angriffen, richteten sie fast nie Schaden an. Als aber zwei „Schlächter“ aus allen Knopflöchern feuernd die Batterie aus der Marschrichtung kommend anflogen, rechnete ich mit schwersten Verlusten. Vom Pferd herunter in den deckungslosen Boden gekrallt vernahm ich Lärm, Detonationen, Staubwolken und Aufregung. Als nach Sekunden alles vorbei war, war nichts geschehen. Durch die Splitterwirkung gab es einige belanglose Schäden an unseren Fahrzeugen. Der Schornstein der Feldküche war durchschossen. Aber wie durch ein Wunder gab es keinen verletzten Mann und kein betroffenes Pferd. Dafür wurde unsere Batterie bei mittäglicher Rast auf einer Kolchose durch den Notwurf einer deutschen He 111 schwer in Mitleidenschaft gezogen. Niemand hatte sich um die langsam und sehr niedrig fliegende eigene Maschine gekümmert, als plötzlich Bomben zwischen unseren dicht aufgefahrenen Fahrzeugen detonierten. Ich sah noch drei Flieger aus dem schräg abstürzenden Flugzeug springen, deren Fallschirme sich nicht mehr rechtzeitig öffneten. Dann schlug das Flugzeug auf und explodierte. Um das brennende Wrack konnte sich niemand kümmern. Da war ohnehin nichts mehr zu retten. Die getroffenen Soldaten und Pferde meiner Batterie erforderten allen Einsatz. Auf dem Munitionswagen hatten Kartuschen Feuer gefangen. Aus Einschusslöchern an den Kartuschenkästen sprühte Feuer wie Wasser aus einem geplatzten Schlauch. Die Kästen mussten sofort von den Fahrzeugen gerissen werden, damit sie gefahrlos ausbrennen konnten und nicht alles in die Luft zu fliegen drohte. Vor allem mussten sie weg von den Granaten. Ich trat auf den Oberarmstumpf eines ohnmächtig gewordenen Fahrers, weil ich die Schlagader nicht mit dem Daumen abdrücken konnte. Endlich brachte jemand einen Bindestrick, mit dem wir abschnüren und die Blutung zum Stillstand bringen konnten. Wir hatten drei tote Kameraden und zahlreiche Verletzte zu beklagen. Darunter befanden sich mehrere Schwerverwundete. Etliche Pferde mussten erschossen werden. Die Materialschäden waren relativ gering. Unser Zorn richtete sich gegen die Flieger. Konnten die ihre Bomben nicht früher oder später abwerfen, wenn sie es denn unbedingt mussten? Hatte der Abwurf noch Sinn gehabt, wenn sie ohnehin rettungslos abstürzten? Als wir die Absturzstelle aufsuchten, war außer ausgebrannten Trümmern nichts mehr zu finden. Die drei Besatzungsmitglieder lagen mit ihren Fallschirmen grotesk verrenkt am Boden. Der Aufprall musste sie unmittelbar getötet haben. Wir begruben die Toten gemeinsam mit unseren gefallenen Kameraden im Kolchosegarten. Die Erkennungsmarken wurden abgebrochen, Uhren und die wenigen persönlichen Sachen zusammengepackt und mit kurzem Bericht zurückgesandt. Ich hatte nun die unangenehme Aufgabe des Briefeschreibens an die Angehörigen. Das musste sein, aber passende Worte waren nicht leicht zu finden. Eine etwas objektivere Betrachtung des Vorfalls setzte sich erst nach und nach durch. Was kann man billigerweise von Fliegern in Not verlangen? Was soll man tun, wenn die getroffene Maschine nicht mehr in der Luft zu halten ist? Der Versuch einer Bauchlandung in dem ebenen Gelände hatte sich wohl angeboten, doch dafür mussten die bereits scharfgemachten Bomben raus. Der Resttreibstoff für sich war bereits gefährlich genug. Kann man in solch einer Situation wirklich noch abwägende Überlegungen erwarten, ehe man sich zur Handlung entschließt? In der Nacht ging es durch einen schmalen Korridor weiter in Richtung Stalingrad, den die deutschen Panzer-Divisionen zur Wolga hin geschaffen hatten. Am Vormarschweg sahen wir zusammengeschossene deutsche Kolonnen mit noch unbestatteten Leichen. Rechts und links zeigte uns Mündungsfeuer von Geschützen, dass der Schlauch nicht breit sein konnte. Naheinschläge feindlicher Granaten hielten sich aber in Grenzen. Es war vermutlich nur Störfeuer. Bei einem Halt in der Nähe entdeckten wir, an einem zerschossenen russischen Panzer, einen halb verbrannten und ununterbrochen zitternden, schwerverwundeten Russen. Er musste in der kalten Nacht noch einmal zu Bewusstsein gekommen sein, gab aber keinen Laut von sich. Der erste Blick zeigte die Aussichtslosigkeit jeder Hilfe. Ich wandte mich mit dem Gedanken ab, was ich tun solle. „Erschieß ihn doch einer!“ hörte ich rufen. „Mach doch Schluss!“. Dann hörte ich einen Pistolenknall und fühlte Erleichterung. Ich wollte nicht wissen, wer diesen Gnadenschuss abgegeben hatte. Selbst wäre ich dazu nicht in der Lage gewesen, obwohl mir der Verstand sagte, dass diese erlösende Kugel menschlich war. Am frühen Morgen mussten wir eine Balka durchfahren. Dabei handelt es sich um tiefe Erosionsschluchten, die oft unvermutet durch die Steppe führen und meist völlig trocken liegen. Bei starken Regenfällen und einsetzender Schneeschmelze werden sie stetig weiter ausgewaschen. Die Spitze unserer Batterie war gerade dabei durch einen Nebenarm der Schlucht schon wieder den Aufstieg zu beginnen, als Panzergranaten in der Nähe der Fahrzeuge einschlugen. Wir sahen einen T 34, der am Ende der Hauptschlucht ziemlich hoch über uns stand und in rascher Folge mit seiner 7,62 cm – Kanone auf unsere Batterie feuerte. An Kehrtmachen war in dieser engen Schlucht nicht zu denken, auch nicht an das umständliche Feuerbereitmachen einer Haubitze. Es hieß also, weiterfahren mit vergrößerten Abständen und beten. Der Panzer schoss pausenlos. Jeden Augenblick konnte es einen Treffer geben, denn wir kamen ja nur im Schritt voran. Ich hatte das Gefühl, die Schüsse gingen zwischen den Pferdebeinen hindurch. Der harte Abschussknall und die Granateinschläge in unmittelbarer Nähe verstärkten das Gefühl entsetzlicher Hilflosigkeit und wehrlosem Ausgeliefertsein. Wie gern wäre ich als Einzelreiter davon galoppiert, aber so – undenkbar. Offenbar verschoss der Panzer seine letzten Panzersprenggranaten, sonst hätte es eine größere Splitterwirkung und Schäden geben müssen. Uns war unbegreiflich, dass wir keinen Treffer erhielten. Die Batterie kam ohne Schaden durch die Balka, wenn es auch eine Ewigkeit zu dauern schien. Schließlich verschwand der Panzer aus unserem Blickfeld. Später ging unsere Batterie in einer flachen Senke in Feuerstellung. Da die Umgebung unter starkem Artilleriefeuer lag, wurden sofort Deckungslöcher für die Geschützbedienungen ausgehoben. Ich begab mich in unmittelbare Nähe des Deckungsloches für die Fernsprecher und Funker und musste dort mehrfach Schutz suchen. Die Lage war unübersichtlich und den Frontverlauf, sofern es überhaupt einen gab, kannte ich nicht. Ich wusste nicht einmal, wer vor oder neben mir eingesetzt war. Gelegentlich erreichten mich widersprüchliche Marsch- und Einsatzbefehle, die die Lage noch zusätzlich verwirrten. Vorsorglich richtete ich auf dem nahen Deckungshügel eine Nah-Beobachtungsstelle mit Drahtverbindung zur Batterie ein. Eine 8,8 cm-Flak-Batterie fuhr an unserer Feuerstellung nach vorn vorbei. Von meiner Beobachtungsstelle aus, sah ich voraus den Bahnhof Gumrak, in dessen Nähe die Flak-Batterie im offenen Gelände in Stellung ging. Als sie mit flacher Rohrerhöhung gegen den Bahndamm zu feuern begann, erkannte ich hinter dem Bahndamm die Türme mehrerer T 34, die das Feuer erwiderten. Es entspann sich ein hartes Duell, bei dem die Flak erfolgreicher war. Einige Panzer brannten. Vorsichtig schoss ich mich mit meiner Batterie auf den Bahndamm ein, um die Flak nicht zu gefährden. Die 15 cm-Granaten schafften etwas Luft. Schließlich verschwanden die Panzer. Die Flak protzte auf und zog weiter. Sie schien keinen größeren Schaden genommen zu haben, obwohl es von meinem „Logenplatz“ aus nicht immer gut für sie ausgesehen hatte. Es wurde wieder ruhiger. Ich war in die Feuerstellung zurückgekehrt, setzte mich an den Rand des Deckungslochs und ließ die Füße baumeln. Mehr aus Langeweile als aus Hunger aß ich etwas. Die Sonnenstrahlen wärmten ordentlich und ich war müde, fand aber keine Ruhe zum Schlafen. Plötzlich schlug eine Granate in unmittelbarer Nähe ein. Ein starker Schmerz durchzuckte meinen linken Oberarm. Ich ließ mich instinktiv ins Loch fallen und sah, dass die daneben stehende Lafettenprotze einen Volltreffer erhalten hatte. Zerrissen standen nur noch Reste und Räder herum. Den schmerzenden Arm konnte ich kaum bewegen. Diesmal habe ich etwas Ernsteres abgekriegt, dachte ich, kein harmloser Kratzer wie bisher immer. Es ging auch schon viel zu oft gut. Mein Feldblusenärmel war unbeschädigt und Blut floss auch keins. Herbeieilende Kanoniere halfen mir die Feldbluse und das Hemd auszuziehen. Jede meiner Bewegungen war äußerst schmerzhaft. Vielleicht konnte auch etwas gebrochen sein. Es stellte sich aber nur eine sehr starke Prellung heraus, die sich noch immer anschwellend verfärbte. Ein Bleckstück der Protze war vermutlich gegen meinen Arm geflogen.

 

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Die zerfetzte Protze, an der ich meine Prellung davontrug.

 

Bei dem nun wieder einsetzenden Störungsfeuer reagierte ich nervöser als üblich. Dabei wurde ich von einem stämmigen Geschützführer gefoppt, der mit braungebranntem Oberkörper in der Nähe stand und den Helden spielte. Als ich ihm riet, sich besser in Nähe einer Deckung aufzuhalten so lange der Feindbeschuss andauere und wir selbst keine Feuerbefehle auszuführen hätten, warf ihn der nächste Naheinschlag zu Boden. Der Mann hatte ein faustgroßes Loch in der Brust. Noch bei Verstand nahm er wahr, dass es keine Chance mehr gab. Es war schon ein Wunder, dass der Mann mit dieser schweren Verletzung bei Bewusstsein blieb. „Das hätte nicht sein müssen. Man soll doch auch mal auf seine Vorgesetzten hören, wenn sie es gut meinen.“ sagte er mehr zu sich selbst. Dabei rang er sich ein letztes Lächeln ab. Er starb schnell, ohne dass ich ihm große Schmerzen angemerkt hätte. Vielleicht ist das bei besonders schweren Verwundungen so. Das geschah am 4. September 1942. Später sollte ich erfahren, dass genau einen Tag vorher der Bruder meiner zukünftigen Verlobten gefallen war. Seit dem 11. August, dem Überfall auf der Rollbahn am Don, hatten sich die Ereignisse überstürzt. Die Gefechte hatten nun auch für die IV. Abteilung härtere Formen angenommen. Immer wieder gab es Ausfälle. Man wurde allgemein ängstlicher und vorsichtiger. Aber ich konnte in jeder Situation auch jetzt noch entspannt schlafen. Trotzdem war auch ich nicht ganz so ruhig und ausgeglichen, wie ich nach außen wirkte. Ich hatte mir schon seit der Schulzeit angewöhnt, keine Gemütsregungen zu zeigen. Die Prellung am Arm schmerzte immer noch. Das Verwundetenabzeichen wollte ich dafür nicht haben, denn ich hatte das ungute Gefühl, dass es mich dann vielleicht noch richtig erwischen würde. Ein erneuter Stellungswechsel wurde befohlen. Jetzt gab es wieder eine klare vordere Linie. Alle drei Batterien der schweren Abteilung standen mit 12 Rohren, die schon etwas ausrichten konnten, dicht beieinander. Wie üblich, befand ich mich auf der Haupt-B-Stelle, von der aus man jetzt schon den Westrand der langgezogenen Stadt Stalingrad sah.

 

Kampf in der Stadt

 

Etwas näher, links voraus, befand sich der Komplex der Fliegerschule. Die Division sollte in den nächsten Tagen angreifen. Es gab gutes Kartenmaterial und Tagesziele wurden bis in die Stadt hinein festgelegt. Ob man sie mit der inzwischen arg geschwächten Division auch erreichen würde? B-Stellen und Feuerstellungen wurden gut ausgebaut und die Geschütze durch Ringwälle gesichert, um so gut wie möglich gegen Feindfeuer geschützt zu sein. Die Infanterie musste umgliedern. Sie bedurfte dringend einer Ruhepause. Der neu zur Division gekommene, jugendlich wirkende Oberst Roske, zog als einziger die vernünftigen Konsequenzen: Er löste ein Bataillon und mehrere Kompanien auf und bildete zwei halbwegs kampfkräftige Bataillone, wobei er Reiterzug, Fernsprecher und Pioniere weitgehend mit eingliederte. Vor der Neugliederung waren die Kompanien bereits unter Zugstärke abgesunken. Nur die Trosse hatten in etwa ihre ursprüngliche Stärke. Sie waren im Verhältnis überdimensioniert und so konnten aus ihnen Verstärkungen für die Front gewonnen werden. Begeistert werden die Betroffenen nicht gewesen sein. Roske kam mit seiner Methode auch besser mit den noch zur Verfügung stehenden Offizieren und Unteroffizieren zurecht. Doch es blieb dabei, dass junge Infanterie-Leutnants, noch voller Ehrgeiz, kaum eine längere Lebenserwartung hatten als alle anderen. Das beste, was ihnen passieren konnte, war ein „Heimatschuss“. Man redete über solche Dinge nicht. Roske erhielt mit seinem auf dem Papier schwachen Regiment einen schmaleren Abschnitt zugewiesen. Leider widersprach das der Logik, da die beiden anderen Regimenter in Wirklichkeit noch viel schwächer waren.

 

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Eine Balka in der Innenstadt.

 

Stalingrad lag unter ständigen deutschen Luftangriffen. Starke Bomberverbände und Stukas waren trotz heftigster Flak-Abwehr der Russen pausenlos im Einsatz. Die seit 1941 bekannten, aber bisher doch selten in Erscheinung getretenen Stalinorgeln, befanden sich bei Stalingrad im Masseneinsatz. Sie waren in vielerlei Hinsicht mit unseren leichten Nebelwerfern vergleichbar. Bei den Russen hatte man die Abschussgestelle auf Lastkraftwagen montiert. Das ermöglichte ihnen einen schnellen Stellungswechsel. Zunächst machte dieses Waffensystem einen sehr starken Eindruck auf uns. Das heulende Abfeuern war akustisch ähnlich beeindruckend wie die Sirenen unserer Stukas. Die Staub, Dreck und Feuer aufwerfenden Salveneinschläge der Stalinorgeln schienen in ihrem Wirkungsbereich ein Überleben unmöglich zu machen. Durch das Scherenfernrohr waren zahlreiche Erd- und Holzbunker am Stadtrand zu erkennen. Die Infanterie arbeitete sich langsam und vorsichtig an diese Befestigungslinie heran. Als sie nahe genug war, erschienen Sturmgeschütze, die bis dicht vor die Bunker fuhren und die Scharten unter Beschuss nahmen. Das in der Front stark gepanzerte Sturmgeschütz IV, war ohne Turm gebaut, damit besonders flach und mit seiner 7,5 cm-Kanone robust und kampfstark. Auch als Panzerjäger waren Sturmgeschütze erfolgreich. Doch Panzer selbst konnten sie wegen des fehlenden schwenkbaren Turms nicht ersetzen. Daher war es an sich nicht richtig, wenn sie gelegentlich wie Panzer eingesetzt wurden. Meist gelang es den Sturmgeschützen die Bunker auszuschalten. Wenn nicht, besorgten die Infanteristen mit Flammenwerfern und Sprengladungen den Rest. Aus der Entfernung meiner B-Stelle heraus sah das Bunkerknacken so professionell und selbstverständlich aus. Ich musste mich an den Bunkerkampf vor Jahresende im Weta-Wald erinnern, um mir der Gefahren dieses Kampfes bewusst zu werden. Kaum war ein Bunker erledigt, sah man schon die Vorbereitungen für einen neuen Einsatz. Wenn dann das Sturmgeschütz vor den nächsten rollte, lief der gleiche Film von neuem ab. Es war schon bewundernswert, wie unsere Infanterie nach all den Strapazen und hohen Verlusten noch immer in ruhiger Selbstverständlichkeit schonungslos ihr schweres Handwerk verrichtete. Das war ungebrochener Kampfgeist ohne Hurrageschrei. Hurra hatten wir in diesem Krieg nur selten geschrien. Danach war uns kaum zumute. Wir glaubten eine Pflicht erfüllen zu müssen, glaubten an die Unvermeidbarkeit des Kampfes und sahen den Krieg nicht als Hitlers Krieg an. Vielleicht ist es auch eine unhistorische Sicht der Dinge, wenn man Hitler alle Schuld an diesem Krieg und seinen Gräueln zu geben versucht. Insbesondere der amerikanische Präsident Roosevelt, wollte seit Mitte der 30er Jahre die Vernichtung Deutschlands. Churchill dachte ähnlich. Dabei war das Schicksal der europäischen Juden, den zionistisch ausgerichteten US-Judenorganisationen relativ gleichgültig. Ernsthafte Rettungsversuche wurden nicht unternommen, weil es der Finanzwelt ums Geschäft ging. Stalin musste Hitler-Deutschland als Machtfaktor ausschalten, wenn er Europa kommunistisch unter sowjetischer Führung machen wollte. Das hatte Roosevelt nicht begriffen und Churchill hat es zu spät erkannt. Hätte es den ehrlichen Kampfgeist der deutschen Soldaten, unabhängig von allen NS-Einflussnahmen, nicht gegeben, wäre unsere Moral erschüttert gewesen und kein noch so schneidiger Offizier hätte uns vorwärts gebracht. Damals hat der einfache Frontsoldat tatsächlich an die Notwendigkeit des Krieges geglaubt. Bei aller Gewöhnung an die ständige Gefahr, mit zunehmender Landsknechtsmentalität, musste er sich doch ausrechnen, dass die beste Überlebenschance in einer nicht all zu schweren Verwundung lag, denn mit anhaltender Unversehrtheit und Gesundheit war kaum zu rechnen. Unser Artillerie-Regimentskommandeur Oberst Scharenberg wurde an die Artillerieschule versetzt. Sein Nachfolger wurde von Stumpff, ein alter weißhaariger Troupier, der bisher als Major die III. Abteilung geführt hatte. Er war im Regiment allgemein geschätzt und erst kürzlich zum Oberstleutnant befördert worden. Eigenartig, dass von Stumpff Vorgesetzter Balthasars wurde, der bereits wesentlich länger Oberstleutnant war. Ich nahm den Kommandeurswechsel zum Anlass, mich nach dem Stand meiner Beschwerde zu erkundigen und erhielt als Antwort, dass die Sache bald erledigt werden soll.

 

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Die Balka mit Blick aus dem eingebauten Erdstollen.

 

Am 11. September begann mit mehreren Infanterie-Divisionen der Großangriff auf Stalingrad. Nach kurzer Artillerievorbereitung, verstärkt durch Nebelwerfer verschiedenen Kalibers, trat unsere Infanterie von zahlreichen Sturmgeschützen begleitet zum Angriff an. Als die Soldaten den Stadtrand erreichten und zwischen Holzhäusern und Gärten verschwanden, setzte ein wahres Inferno von Stalinorgelsalven ein, das die Vorortsiedlungen in einem Wall von Feuer und Rauch verschwinden ließ. Ich erhielt bald den Auftrag, als vorgeschobener Beobachter Verbindung mit der Infanterie aufzunehmen, um sie im Straßenkampf zu unterstützen. Von den Haupt-B-Stellen aus war nichts mehr zu machen. Wir gingen entlang der Fliegerschule in Richtung Stadt. Linker und rechter Hand befanden sich beschädigte Flugzeughallen und moderne Kasernen im Bauhausstil. Vor mir, aber in beruhigender Entfernung, blitzten immer noch ununterbrochen diese Stalinorgeln auf. Irgendwie würde ich mit meinen Funkern da durch müssen. Ein bespannter Fernsprechwagen fuhr in Richtung Stadt an uns vorbei. Es sollten Drahtleitungen gelegt werden, um verlässliche Meldewege herzustellen. Als wir die ersten Bretterzäune um die kleinen Hausgärten am Stadtrand erreicht hatten, oft waren es nur primitive Flechtzäune um die Hütten, sahen wir verstörte Frauen unter weißen Kopftüchern, die sich um ihre verängstigten Kinder bemühten und aus der Stadt herausdrängten. Männer bekamen wir keine zu Gesicht. Die Metropole machte in den Außenbezirken einen verlassenen Eindruck. Ein Stück voraus stand jetzt der Fernsprechwagen auf der gewölbten, unebenen teilasphaltierten Straße. Ein unangenehmes Heulen zwang uns in Deckung. Dann krachten die Stalinorgelraketen einer Salve auf die Straße. Das Pferdefahrzeug verschwand in der feurigen Detonationswolke. Es stand mittendrin. „Die hat es voll erwischt.“ meinte ein Funker mitleidig mit feinem Unterton, der Erleichterung erkennen ließ, dass man selbst noch einmal davon gekommen sei. Das ist das St. Florianprinzip: „Verschon mein Haus, zünd andere an“. Zu unserer großen Überraschung war aber überhaupt nichts passiert. Leute, Pferde und Fahrzeug waren unversehrt geblieben. Wieder zu Atem gekommen, meinten die Landser den überstandenen Schreck verbergend: „Mehr Dreck und Krach, als die ganze Sache wert ist.“ Dieser Feststellung konnte ich mich nicht so ganz anschließen. Beim weiteren Vorgehen gerieten wir abermals mehrfach zwischen Stalinorgeleinschläge, die gleichzeitig eine große Fläche deckend, deprimierend wirkten. Dann lagen wir ohne Deckung mittendrin auf der Straße und es ging dennoch gut. Weil sich der Treibsatz an der Spitze der Raketengeschosse befand, ging die Splitterwirkung der eigentlichen Sprengladung trichterförmig nach rückwärts und rasierte nicht über den Boden hinweg, wie es bei Granaten der Fall ist, wenn sie mit einem Aufschlagzünder verschossen werden. Abpraller, die in niedriger Höhe in der Luft detonieren, sind noch weit gefährlicher. Aus der beschriebenen Wirkungsweise der Stalinorgelgeschosse erklärt sich auch der Rauch- und Feuerzauber. Dennoch blieb der Gesamteindruck erschreckend, wenn auch die Gefahr geringer war, als es zunächst den Anschein hatte. Wir gewöhnten uns schließlich an diese Orgelei. Links der Straße befand sich ein recht stabil wirkendes ebenerdiges Steinhaus, in dem wir einen Bataillonsstab vorfanden. Der Bataillonsarzt bemühte sich in einem der Räume mit einigen Sanitätern um Verwundete. Es herrschte reges Durcheinander. Dieses Gebäude war ein ehemaliges Badehaus mit zahlreichen Dusch- und Wannenbädern und besaß eine stabile Betondecke, die Stalinorgelbeschuss stand hielt. Hier konnte man sich sicher fühlen. Es wurde bereits dunkel und wir blieben. Draußen brannten die Holzhäuser lichterloh und wie 1939 in Polen blieben nur die gemauerten Kamine stehen. Lagerschuppen stürzten lodernd in sich zusammen, aber auch mehrgeschossige Backsteinhäuser brannten aus. Die Russen schossen die ganze Nacht hindurch. „Nähmaschinen“ warfen kleine Bomben, größere Maschinen schwere. Die großen Einschlagtrichter machten die Straßen immer unpassierbarer. Ich konnte damals noch nicht ahnen, dass genau dieses Badehaus zum Ende des Januar 1943 mein letzter Kampfstand in Stalingrad sein wird, und dass ich um dieses Haus zum letzten Mal als Soldat für Adolf Hitler kämpfen sollte, der lieber eine ganze Armee opferte, statt diese Stadt aufzugeben. Mit Stalingrad sollte eine Welt für mich zusammenbrechen. Die andere, sich mir danach öffnende Welt würde ich bewusster und mit kritischeren Augen betrachten und beurteilen können. Zur Skepsis neigte ich im allgemeinen ohnehin. Ich sah in niemanden einen „Übermenschen“, dem man bedingungslos hätte folgen müssen. Sicher ist es bequemer und erfolgreicher, dem jeweiligen „Zeitgeist“ nachzulaufen, sei es auch nur aus Opportunismus. In der gespenstisch brandhellen Nacht herrschte dennoch gute Stimmung. Am späten Nachmittag hatte Roskes Regiment im ersten zügigen Vorstoß, mitten durch die Stadt, die Wolga erreicht und hielt sich bis zum letzten Tag. Eigene Verluste hatten sich dabei in Grenzen gehalten. Die Nachbardivisionen versäumten, den Russen über das gesetzte Tagesziel hinaus beim Zurückweichen auf den Fersen zu bleiben. Die südlich von uns eingesetzten Divisionen mussten noch schwere Kämpfe bestehen, bis auch sie zur Wolga vorstoßen konnten, und die nördliche Nachbardivision erreichte trotz vieler massiver Angriffe die Wolga so nie. Zunächst hielt die 71. Division nur einen relativ schmalen Schlauch bis zur Wolga, dessen Flanken unzureichend gesichert waren. T 34 Panzer durchquerten ihn auf den Straßen und es wurden noch verschiedene Häuserblocks von den Russen gehalten. Am frühen Morgen folgten wir Meldern, die bereits halbwegs sichere Pfade durch die Trümmer kannten. Sie wussten vor allem, welche Straßen vom Gegner einzusehen waren. Die musste man dann einzeln im schnellen Lauf überspringen um heil durchzukommen. Das war neu für uns Artilleristen, aber ungefährlicher als wir zunächst glaubten. Bevor der Russe den einzelnen Springer wahrnehmen, zielen und schießen konnte, war man schon über die Straße hinweg und wieder in sicherer Deckung verschwunden. In einem Schulgebäude, das am oberen Rand des zur Wolga abfallenden Steilhanges stand, fand ich eine brauchbare Beobachtungsstelle. Ich sah die Wolga und eine Insel mit russischen Flakstellungen, die ich erfolgreich bekämpfen konnte. Jenseits des Stroms lag das weitläufige Dorf Krasnaja Sloboda. Das diesseitige Wolgaufer konnte ich nicht einsehen. In der Stadt wurde erbittert um einzelne Häuser gekämpft. Im Süden, jenseits der Zariza-Schlucht, war die Wolga noch nicht erreicht. Dort ragte der bekannte große Getreidesilo über die Umgebung empor.

 

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Der vorgeschobene Beobachter unserer 2.Batterie am Wolga-Hochufer.

 

In die Häuserkämpfe konnte ich mit der Batterie nicht eingreifen. So nahm ich außer den Flakstellungen auf der Insel, Wagenkolonnen und Anlegestellen bei Krasnaja Sloboda unter Feuer. Unsere Batterie zog dann bis an den Stadtrand vor, um weiter in das russische Hinterland wirken zu können. Stukas unterstützten uns, trafen aber leider nicht immer nur den Feind, im Gewirr der Straßenzüge und unklaren Kampflinien. Dies war dann auch der Grund, dass ich mich nicht auf einzelne Häuser einschießen konnte. Sicherheitsabstände von 200 Metern musste man schon allein wegen der Geschoßstreuung einhalten. Die Nächte gehörten noch immer den Russen, die unentwegt schossen und bombardierten. Brände beleuchteten Straßen, Wege und Plätze.

 

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Blick in eine Straße Nähe der Fliegerschule.

 

Zufällig traf ich in der Stadt mit den Oberleutnants Hofmann und Vosfeldt zusammen, die mit mir vom Artillerie-Regiment 19 zu den 171ern gekommen waren. Über sie erfuhr ich vom Tod Friedrich Neumanns, der mir nahe stand. Als vorgeschobener Beobachter war er in seinem Deckungsloch tot zusammengerochen. Eine Verwundung konnte nicht festgestellt werden. Vielleicht war es ein Hitzschlag oder Stress. Friedrich war ein schlanker, sportlicher Typ gewesen, kein „Ackergaul“ wie ich. Doch er war nervös und leicht erregbar. Und er war es auch gewesen, der mit meinem Pferd „Panther“ kein Glück hatte. Vosfeldt war ziemlich einsilbig und hatte wenig zu berichten. Hofmann war erst vor kurzer Zeit aus dem Lazarett gekommen. Ein kleiner Granatsplitter war ihm durch den Oberkörper gegangen, ohne größeren Schaden angerichtet zu haben. Kaum zu glauben, dass er das so komplikationslos überleben konnte. Er hatte sich kleine Flicken an der Ein- und Ausschussstelle auf die Feldbluse setzen lassen. Ich musste unwillkürlich an die Sage der Kennzeichnung auf Siegfrieds Rücken denken. Gerd Hofmann wirkte recht distanziert, irgendwie abgeklärt, so gar nicht kumpelhaft, eher jenseits der Ereignisse stehend. Sein Bruder war vor kurzem als U-Boot-Offizier gefallen und nun schien er selbst zum Sterben bereit zu sein. Gerd war ehrgeizig, stets bedacht, eine gute Figur zu machen und enthielt sich jeglicher Kritik an Vorgesetzten. Dennoch war er ein guter Kamerad und bei aller Distanz doch ein menschlicher Vorgesetzter. Er bot sich für Stabsfunktionen an, während ich lieber Führer einer Einheit mit eigenem Verantwortungsbereich sein wollte. Mir fehlte allerdings jede Bereitschaft zu sterben. Was hatte ich denn schon von meinem jungen Leben gehabt? Ich stellte noch Ansprüche an ein künftiges Dasein, wollte den Glanz, den der Offiziersberuf ausstrahlte, genießen. Die Uniform hob positiv von der Zivilbevölkerung und den Braunhemden der Parteiorganisationen ab. Auch ein gutes Reitpferd schenkte inneren Auftrieb und Prestige nach außen. Berufssoldat war damals der Modeberuf. Den Krieg empfand ich als Übel, welches aufrecht und auf anständige Weise, aber möglichst ohne Haare dabei zu lassen, durchgestanden werden musste. Etwas naiv vielleicht, nur war ich nicht darauf aus, mir für Kratzer vom Arzt das Verwundetenabzeichen verschreiben zu lassen. Das hätte ich als Herausforderung des Schicksals verstanden, weil ich unter Verwundung etwas Ernsteres verstand. Natürlich dokumentierte das Verwundetenabzeichen das persönliche Opfer. Daher hatten gerade weniger gefährdete Soldaten an ihm Interesse. In meiner „Wurstigkeit“ klammerte ich die Themen Verwundung und Tod für meine Person aus. Damit vermied ich Beklemmungen und länger anhaltende Angstzustände. Damals glaubte ich, dass zu einem Berufssoldatenleben auch ein Kriegseinsatz gehöre und man nicht nur ein „Paradesoldat“ sein dürfte. So war es mir recht, dass diese Bewährungsprobe am Anfang meiner Karriere lag und nicht erst später, wenn ich Familie hatte. Meine Batterie sollte nun den Abschnitt der Nachbardivision im Norden artilleristisch unterstützen, damit diese möglichst doch noch zur Wolga vordrängen konnte. Ich musste meine B-Stelle verlegen und fand in einem abgebrannten Holzhausviertel einige unterirdische Lagerräume mit Betondecke, die wir zusätzlich mit einigen Schichten Eisenbahnschwellen aus einem nahen Depot verstärkten. Hiwis (Hilfswillige, meist Russen) nahmen die Erdaufschüttungen vor. In der Nähe vegetierten noch einige russische Familien ohne wehrfähige Männer. Sie litten sehr unter dem unverändert starken russischen Beschuss. Da gab es immer wieder herzerschütternde Szenen, wenn sie Tote und Verletzte zu beklagen hatten. Wir halfen ihnen, so gut wir konnten. Unsere Sanitäter und Ärzte taten ihr Bestes. Nach und nach entstand sogar auf diese Weise ein gewisses Vertrauen zu uns. Allerdings machten sie uns für ihr Schicksal verantwortlich, weil wir sie größerer Gefahr ausgesetzt hatten, indem wir uns den sicheren Unterstand genommen und ausgebaut hatten. Dennoch dauerte es eine geraume Zeit, bis sie bereit waren, auf die deutschen Angebote einzugehen und die Stadt nach Westen mit unseren Nachschubkolonnen zu verlassen.

 

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Blick über Stalingrad.

 

Die eigentliche Beobachtungsstelle mussten wir im Dachstuhl einer Hausruine einrichten, die wir ebenfalls mit Eisenbahnschwellen abzusichern versuchten. Es blieb ein windiges Nest mit gefährlichem Zugang. Auch der dunkle Unterkunftskeller war unwirklich und unbeliebt. Unsere Hiwis mieden den Keller und hatten Ausfälle. Sie taten uns leid, weil sie ihren eigenen Landsleuten zum Opfer fielen, nachdem sie dem deutschen Feuer noch gar nicht so lange entkommen waren. Gewiss, sie taten diese Hilfsdienste freiwillig, wenn auch nicht aus Liebe zu uns. Wenn sie also Gefahren auf sich nahmen, so taten sie es nur, um dem deprimierenden Gefangenenschicksal zu entgehen. Ein Schicksal, das sie mit all seinen Strapazen und der unzureichenden Verpflegung zumindest kurzfristig erlebt hatten, als sie wie Viehherden durch die Steppe getrieben wurden. Als Hiwis lebten sie immerhin „halbfrei“, erhielten aus der Feldküche satt zu essen und wurden auch sonst ausreichend versorgt. Unter uns hatten sie nicht zu leiden. Mancher mag an Flucht gedacht haben. Es schienen sich genügend Gelegenheiten dafür zu bieten, doch wenige sind verschwunden. Die meisten gaben sich über Erwarten willig, arbeitsam und treu. Unsere Unterstützung hatte der Nachbardivision nicht viel gebracht. Im eigentlichen Häuserkampf konnten wir nicht helfen. Hier ging es mit Handgranate und Maschinenpistole von Straßenseite zu Straßenseite, von Haus zu Haus, von Stockwerk zu Stockwerk und sogar von Wohnung zu Wohnung. Die Russen verbissen sich mit einer über die schon hohe Kampfmoral hinausgehenden Hartnäckigkeit in die Trümmer der Stadt, dass kaum mehr ein Vorwärtskommen möglich war. Das Polit-Kommissarwesen konnte dafür keine Erklärung sein. Wie sollte es sich denn im Häuserkampf auswirken können?

 

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Die Straßenbahn-Außenlinie in der Nähe unserer Feuerstellung.

 

Wir ermaßen erst jetzt unser Glück, dass wir es im ersten Angriffsschwung geschafft hatten, tief in das Stadtzentrum vorzudringen und einen breiten Streifen das Wolgaufer in die Hand zu bekommen. Schließlich gelang es mir, einen größeren Industriekomplex bei der Nachbardivision unter Feuer zu nehmen. Nach sehr vorsichtigem Einschießen rissen unsere 15cm-Granaten Löcher in die dicken Backsteinmauern. Doch an eine Zerstörung der Gebäude war dabei längst nicht zu denken. Erst nach mehreren Versuchen gelang es den Nachbarn, in die Fabrikanlagen einzudringen, ehe die Verteidiger nach dem vorbereitenden Artilleriebeschuss wieder in Aktion traten. Der Nahkampf in den Gebäuden dauerte noch Tage, denn mit dem Eindringen musste die Artillerieunterstützung enden. Ich wurde zum Regimentskommandeur von Stumpff befohlen. Meine Disziplinarstrafe hatte man aufgehoben. Der angebliche Kurzschuss ließ sich nicht nachweisen und mir war kein Fehlverhalten anzulasten. Der betroffene Abteilungskommandeur hatte nur eine Vermutung ausgesprochen und war sich keineswegs sicher gewesen, dass es sich um eine deutsche Granate gehandelt habe. Er hatte nur vorsorglich auf sich aufmerksam machen wollen, denn eine Granate kommt selten allein. Und wegen dieses Vorfalls hatte Balthasar versucht, mir eins auszuwischen - wie schäbig sein ganzes Vorgehen. Hätte Kuhlmann dabei mitspielen dürfen? Man fragte mich, ob ich auf die Anwesenheit anderer Offiziere bestehe, falls Balthasar bereit sei, seine beleidigenden Äußerungen von damals zurückzunehmen. Ich verzichtete. Peter Schmidt war am Don gefallen. Wenn man so will war er ein Opfer Balthasars gewesen. Andere Offiziere waren nicht zugegen. Von Stumpff schien über meinen Verzicht erfreut zu sein und ließ den in der Nähe befindlichen Balthasar herbeirufen, der nach einigen förmlich-steifen Entschuldigungsfloskeln wieder verschwand. Ich atmete erleichtert auf und begab mich zu meiner B-Stelle zurück. Wenige Tage später hatte ich bei Balthasar zu erscheinen, der mir seine schriftliche Beurteilung eröffnete. Sie war in ihren wesentlichen Punkten vernichtend: …„oberflächlich, unzuverlässig, unreif, zur Führung einer Batterie ungeeignet…“. Das waren Formulierungen, die ich nur mit Mühe aufzunehmen verstand. Dennoch kochte ich vor innerer Wut und hilflosem Ausgeliefertsein. Ich hatte alle Anstrengung nach außen Haltung zu bewahren. Auf die Frage: „Wollen Sie etwas dazu sagen?“ verneinte ich und verschwand. Balthasar hatte diese Situation genossen. Mir erschien beim Abgang alles so sinnlos. Hätte ich darauf hinweisen sollen, dass ich nach der Bestrafung über Monate unter ihm die 10. und jetzt die 11. Batterie geführt hatte? War meine Beschwerde nicht zum „Schuss nach hinten“ geworden? War die üble, objektiv unsachliche und ungerechte Beurteilung nicht gewichtiger als die Bagatellbestrafung? Wie würde der Regimentskommandeur reagieren? Würde ich wenigstens von Balthasar wegversetzt werden? Nach der kurzen Freude über den Beschwerdeerfolg hatte dieser Schlag jedenfalls gesessen. Was nun? Was könnte ich gegen die Beurteilung unternehmen? Mit wem könnte ich mich beraten? Da war der Oberleutnant Ocker, der 1940 bei der 10. Batterie gewesen und jetzt als Jurist beim Kriegsgericht der 71. Division tätig war. Doch so eng war die Verbindung zu ihm nicht, dass ich mich rasch entschließen konnte. Ein Anruf des Regimentskommandeurs riss mich aus meinen trüben Gedanken: „Sie übernehmen sofort die 2. leichte Batterie. Oberleutnant Wackermann ist vor einiger Zeit gefallen, seit dem läuft es da nicht so recht. Bringen Sie wieder Ordnung in den Laden. Außerdem müssen Sie raus aus der IV. Abteilung. Das sehen Sie ja wohl ein, nach allem was gewesen ist.“ - „Jawohl, Herr Oberstleutnant. Aber haben Herr Oberstleutnant…“, weiter kam ich nicht. „Was soll das nun wieder? Was heißt hier, ja, aber?“ Ich entgegnete: „Nach der Beurteilung, die Sie offenbar noch nicht kennen, bin ich als Batterieführer völlig ungeeignet.“ „Ihre Beurteilung liegt mir vor. Ich nehme sie nicht zur Kenntnis, und jetzt ab mit Ihnen zur 2. Batterie. Ende!“ Das war für mich die optimale Lösung und ich war überglücklich. Doch ich verkniff mir die Freude, um meine Soldaten der 11. nicht vor den Kopf zu stoßen, die treu zu mir gehalten hatten. Irgendwie war ich auch froh, von den „Fußbombern“ fort zu kommen. Die leichte Artillerie erschien mir noch immer kavaliersmäßiger, mit mehr Reitergeist, weniger Handwerk, weniger Schweiß und Schinderei. In dieser gefühlsmäßigen Einstellung lag einige Inkonsequenz, da ich die Hochschuloffizierslaufbahn einschlagen wollte, um mich mit Geschützbau und Waffenentwicklung zu beschäftigen. War doch der technisch-wissenschaftliche Teil der Artilleristik bedeutsamer als der Reitergeist, von dem inzwischen auch bei den leichten Abteilungen wegen des schlechten Pferdematerials nicht mehr die Rede sein konnte. Ich hätte zur Heeresartillerie streben sollen, um noch schwerere Geschütze kennen zu lernen. Für ein späteres Studium hätte ich dann eine breitere praktische Basis gewinnen können. Ich stand mit dem Chef der Heeresrüstung, Oberst Karl, in brieflicher Verbindung. Er sandte mir mathematisches Lehrmaterial zu. Es schien durchaus Interesse an Offizieren zu geben, die bereit waren die Hochschule zu besuchen und dafür über gute schulische Voraussetzungen verfügten. Die Aufnahmeprüfung ging erheblich über mein Schulwissen hinaus. Ich würde anhand des zugesandten Materials bei Gelegenheit einiges im Selbststudium ergänzen müssen, aber das hatte noch Zeit. Leichten Herzens begab ich mich zu der ganz in der Nähe liegenden B-Stelle der 2. Batterie, die in einem Geschäftshaus komfortabel untergebracht war. Zwar war das Dachgeschoß zerstört und auch die obere Betondecke wies Durchschüsse auf, aber die übrigen Decken und insbesondere die schwere Kellerdecke boten zuverlässigen Schutz. Der Haupt-Kellerraum war zusätzlich mit schweren Holzträgern und Holzstempeln versteift worden. Alles war mit Ölfarbe gestrichen. Hier musste ein höherer russischer Stab residiert haben. Die Wände waren weiß gekalkt, es gab Holzfußboden und Feldbetten. Ofen und Herd waren auch vorhanden. Durch Kellerschächte fiel sogar Tageslicht herein. Hier ließ sich leben. Das Scherenfernrohr stand im stabilen Treppenhaus. Zur Wolgafront hin hatten die Kanoniere einen Sehschlitz durch die Mauer gestemmt. Sie hatten sich viel Mühe damit gemacht und die hatte sich gelohnt. Man hatte jetzt einen phantastischen Panoramablick über das Hauptbahnhofsgelände, die Innenstadt und über die Wolga hinweg nach Krasnaja Sloboda – ungleich besser als die B-Stellen in der Schule oder beim Bunker der 11. Nur den Bereich der Nachbardivision konnte man nicht beobachten. Aber der ging unserer 2. Batterie auch nichts an. Am gleichen Tag suchte ich die nahe gelegene Feuerstellung auf. An der roten Backsteinkirche vorbei, ging es die breite Ausfallstraße in Richtung Fliegerschule entlang. Zu meiner großen Überraschung fand ich die Feuerstellung unmittelbar bei dem Badehaus, in dem ich meine erste Stalingrader Nacht verbracht hatte. Hier waren nun die Kanoniere gut untergekommen, obwohl sie noch für jedes der vier Geschütze einen Holzbunker und Munitionskammern in die Erde gegraben hatten. Sie dachten an den nahenden Winter und wollten sich entsprechend einrichten. Zwischen den Trümmern der Holz- und Lehmhäuser waren die Geschütze von Ringwällen umgeben und erst aus nächster Nähe zu erkennen. Nie zuvor hatte ich eine so gut ausgebaute Stellung gesehen und konnte mehr als zufrieden sein. Eigentlich war die Feuerstellung zu nah, nämlich im Bereich der feindlichen Granatwerfer. Man hatte sie schon nach Westen zurückverlegen wollen, befürchtete aber Versorgungsschwierigkeiten. Andererseits konnte nur unsere leichte Batterie ein gutes Stück über die Wolga hinweg wirken. Da Sie noch nie unter Beschuss geraten war, weil der Russe wohl keine Batterie so weit vorn vermutete, wurde die Stellung auf Dauer beibehalten. Holz zum Stellungsbau und auch einiges Mobiliar war von den zerstörten Häusern der nächsten Umgebung reichlich vorhanden. Wir konnten uns wohnlich einrichten. Den kommenden Winter würden wir schon an der Wolga-Front überstehen. Für Sommer 1943 hofften wir auf Erholung und Wiederinstandsetzung der doch arg abgekämpften 71. Division in Frankreich. Die anderen Batterien hatten es schlechter. Ihre Feuerstellungen lagen am westlichen Stadtrand, wo sie auch der Russe vermutete und beschoss. Holz zum Bunkerbau mussten sie in der Stadt suchen, ausbauen, und dann mühsam in ihre Stellungen schaffen. Die I. Abteilung war mir völlig unbekannt. Als ich mich bei meinem neuen Kommandeur meldete, traf ich auf einen jungen aktiven Hauptmann, einem ehemaligen 31er, der mich herzlich empfing. Sein Abteilungsgefechtsstand befand sich in der Nähe der Schnapsfabrik. Die Produktionsgebäude waren weitgehend zerstört. Außer leeren Wodka-Flaschenstapeln, die meisten zu Glasklumpen zusammengeschmolzen, war nichts mehr da was an Getränke erinnerte. Doch auch hier boten stabile Keller sichere Unterkunft. Von hier begab ich mich zur Wolga. Ein Einweiser holte mich ab. Dort war der vorgeschobene Beobachter der Batterie untergekommen und hier befanden sich auch zwei russische 7,62 cm-Beutekanonen, die die Wolgafront schützen sollten und auf Wolgaschiffe feuern konnten. „Ratsch-Bumm“ nannten wir diese modernen Kanonen. Abschuss- und Aufschlagknall folgten kurz aufeinander. Die Kanonen verschossen Patronenmunition und gestatteten höchste Feuergeschwindigkeit. Der halbautomatische Verschluss warf beim Rohrücklauf die leere Patronenhülse automatisch aus. Auch als PAK war die kleine Kanone gut geeignet. Der eigentliche Nachteil dieses interessanten Geschützes war sein kleines Kaliber. Die 7,62 cm-Granate richtete nur wenig Schaden an und die Schrapnells, die die Russen gern verschossen, waren noch wirkungsloser. Vielleicht hätten wir uns aber doch einiges an der verblüffend einfachen und leichten Geschützkonstruktion abgucken sollen. Unsere Geschütze waren zu kompliziert und schwer in Bezug auf Kaliber und Leistung - so zuverlässig sie auch immer waren.

 

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Der Rote Platz mit dem Obelisk im Stadtzentrum.

 

Die Wolga-Halbbatterie war zwischen Hochhausruinen am Steilufer der Wolga gut postiert. Ein Unteroffizier führte hier das Kommando und war mit seinen Leuten gut und sicher in einem Keller untergekommen. Der VB beobachtete ganz in unserer Nähe aus einem Treppenhaus eines Wohnblocks heraus. Hier musste man sehr vorsichtig sein, weil viele russische Scharfschützen mit Zielfernrohrgewehren oder Panzerbüchsen auf der Lauer lagen, denen so mancher Einzelgänger zum Opfer fiel. Nur wenn man wusste, nach wo der Gegner einsehen konnte, war man in den Häusertrümmern einigermaßen sicher. Man musste sich durch schnelles Springen von Deckung zu Deckung fortbewegen. Inzwischen war aber auch schon viel für die Sicherheit getan worden: Hinweisschilder waren angebracht, auch Sichtblenden aufgestellt worden. Zur Überquerung einsehbarer Straßenzüge gab es teilweise sogar sichere Laufgräben. Dennoch musste man sich genau orientieren, besser noch, von ortskundig gewordenen Soldaten führen lassen.

 

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Ruinen im Stadtzentrum.

 

Schließlich war noch eine 10,5 cm-Haubitze meiner neuen Batterie, ostwärts des Bahnhofsgeländes, in der Innenstadt zum Häuserdirektbeschuss eingesetzt. Sie stand an einer Stelle, die ich erst bei Dunkelheit erreichen konnte. Dieses Geschütz war schon wiederholt zum Einsatz gekommen und jedes Mal, hatte es Verluste gegeben. Die Einsätze konnten nur am Tage erfolgen, weil die Zielobjekte nicht anders anzuvisieren waren. Schon vor dem ersten Schuss verstrich zu viel Zeit, da das Geschütz aus der Deckung heraus im Mannschaftszug in Schussposition gebracht werden musste. Zwei Kanoniere waren dann in den Rädern, und unter jedem Lafettenschwanz drückte einer mit der Schulter. Der fünfte und der Geschützführer drückten oder schoben, wo auch immer, so gut sie konnten. Bis der erste Schuss das Rohr verließ, befanden sich die Männer hilflos auf dem „Präsentierteller“. Die Russen, die längst sahen was auf sie zukam, schossen mit allem was sie hatten. Aber selbst wenn alles gut zu gehen schien und die Russen in Deckung gezwungen werden konnten, feuerten sie mit ihren Granatwerfern. Normalerweise wurden bei jedem Einsatz 30 bis 40 Granaten so schnell es irgendwie ging gegen die Russenhäuser verschossen, um die Haubitze möglichst bald wieder in sichere Deckung zurückziehen zu können.

 

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Eine zerstörte Stalinorgel.

 

Während ihrer Schießerei konnten die Kanoniere akustisch vom Gegner nichts wahrnehmen, weil sie selbst zu viel Krach machten. Wenn dann die Granatwerfer mit ihrem Feuer gut lagen, merkte es die Geschützbedienung erst, wenn es zu spät war. Viel konnten wir mit unseren leichten Haubitzen nicht ausrichten. Bei dickerem Mauerwerk schlugen auch die auf Verzögerung eingestellten Granaten nicht durch. Mit Aufschlagzünder fiel nur der Putz von der Wand. Wir schossen „Halbe-Halbe“ - Aufschlag und Verzögerung gemischt. Wenn wir Glück hatten, trafen wir in eine Schießscharte oder durch eine andere Maueröffnung ins Gebäudeinnere. Wir rechneten nicht damit die Gebäude ernsthaft zu schädigen. Der Gegner sollte in Deckung gezwungen werden, damit die Infanterie mit dem letzten Schuss eindringen konnte, bevor die Verteidiger wieder auf ihren Posten waren. Das mochte in der Theorie funktionieren, in der Praxis kam bei diesen verlustreichen Unternehmungen wenig heraus. Es war ja verständlich, dass die Infanterie unterstützende Hilfe von der Artillerie forderte, waren wir doch die, die ohnehin weitaus weniger gefährdet waren. Unsere Kommandeure mochten sich aus diesem Grunde auch nicht versagen, obwohl es wenig Sinn hatte. Warum setzten die Infanterieregimenter nicht ihre so viel wirkungsvolleren schweren 15cm-Infanteriegeschütze ein, die im Steilfeuer sogar aus der Deckung heraus mehr bewirkt hätten? Beim Einsatz ihrer Geschütze zeigten die Infanteristen aus meiner Sicht wenig Einfallsreichtum. Als ich in der Nacht zum vorgezogenen Geschütz ging, fand ich die Leute in gedrückter Stimmung. Für den nächsten Tag stand wieder so ein Einsatz auf dem Plan und sie hatten Angst, weil fast immer etwas passierte. Ich sah mich als „Neuzugang“ zur Batterie verpflichtet an dieser Aktion teilzunehmen und überprüfte das Zielgelände. Ich suchte nach einem möglichst sicheren Platz für das Geschütz. Es fand sich eine Garage mit Betondecke, in die man die Haubitze von der Seite her hereinbekommen würde. Durch das nicht mehr vorhandene Tor konnte man auf Ziele feuern. Allerdings hingen und standen allerlei Trümmer im Weg, welche zwar vorzügliche Tarnung boten, aber unseren Granaten im Wege wären. Dennoch erschien mir alles recht vielversprechend. Am nächsten Tag versuchte ich meinen neuen Kommandeur grundsätzlich vom Einsatz seiner Geschütze im Häuserkampf abzubringen. Er stimmte mir prinzipiell zu, hatte aber auch Bedenken bei der Infanterie einen schlechten Eindruck zu hinterlassen. Man wollte ja nicht als Drückeberger oder Feigling dastehen und der Infanterie das volle Risiko überlassen, das man selbst nicht zu tragen vermochte. Auch er hatte schon vergeblich den Einsatz der schweren Infanteriegeschütze vorgeschlagen. Eigenartiger Weise neigte die Infanterie dazu, ihre Geschütze wie eine Artilleriebatterie zu nutzen, statt sich auf Punktziele zu konzentrieren. Das wäre ihre Hauptaufgabe gewesen, um ihr jeweiliges Regiment bei Einzelaktionen zu unterstützen. Oft als „Zigeunerartillerie“ verspottet, wurde die Hauptaufgabe der Punktzielbekämpfung zu oft verkannt. „Sie müssen ja nicht selbst hingehen, wenn Sie nicht mögen.“, meinte der Kommandeur schließlich. Ich verhehlte nicht, dass ich die Gefahr nicht unbedingt suchte, wenn ich dies mit Anstand vermeiden könne, schon gar nicht, wenn ich keine Erfolgsaussichten sah. Gewiss würde ich nicht jedes Mal mit selbst dabei sein müssen, aber gerade bei den ersten Einsätzen als kommandierender "Neuling" sah ich das als dringend angebracht. Ich wies noch auf die guten Vorbereitungen für den kommenden Einsatz hin. Ohne es ernst zu meinen, sagte ich leicht hin: „Herr Hauptmann können sich ja selbst ein Bild machen. Die Umstände sind diesmal recht günstig, weil das Geschütz unbemerkt in Stellung gebracht werden kann und dann sehen Sie selbst, wie wenig bei der ganzen Sache herauskommt.“ Er ging darauf ein und wir verabredeten einen Treffpunkt. Auf dem Abteilungsgefechtsstand erfuhr ich noch, dass auch Balthasar zur Artillerieschule versetzt worden war. Hatte ihn sein Freund Scharenberg nachgezogen? Das konnte die zögerliche Behandlung meiner Beschwerdesache erklären. Oder passte es schlecht zusammen, dass von Stumpff erst nach ihm Oberstleutnant geworden war. Warum war dieser allseits geschätzte aktive Offizier erst so spät Oberstleutnant geworden? Er hatte doch mehr Format als sein Vorgänger, dessen Führungsstiel kaum in Erscheinung getreten war. Der Treff mit dem Kommandeur klappte. Wir erreichten die Garage. Es war ruhig geblieben. Alle Vorbereitungen waren abgeschlossen, nur ein flaues Gefühl setzte sich mir in der Magengegend fest. Der Infanteriestoßtrupp zur Einnahme des vorgesehenen Hauses stand bereit. Wir trafen die letzten Absprachen mit dem führenden Leutnant. Da das Tageslicht zur Neige ging, musste es losgehen. Der erste Schuss wurde sehr sorgfältig und in aller Ruhe anvisiert. Die Lafettenholme waren bestens fixiert, so dass sie auf dem Estrich nicht wegrutschen konnten. Es hätte sonst für jeden Schuss Nachrichterei gegeben. Weil die Gefahr bestand, dass der erste Schuss Trümmerteile lösen könnte, sollte er mit der langen Leine aus der Deckung heraus gelöst werden. „So, dann wollen wir mal!“, rief ich. „Feuer!“ Abschuss - Staub, es schien alles in Ordnung. Das Geschütz stand fest und gut. Noch einmal einen Blick durchs Rundblickfernrohr während nachgeladen wurde, dann schossen wir in schneller Schussfolge. Durch den auffliegenden Dreck und die Einschläge am Zielgebäude war kaum noch etwas zu sehen. Der Staub biss in Nase und Augen. Nach wenigen Schüssen reagierte der Russe mit Granatwerferfeuer, das uns wegen der Betondecke aber kaum gefährdete. Der selbstverursachte Höllenlärm wurde durch die trockenen harten Granatwerfereinschläge noch verstärkt. „Hören Sie auf, das bringt nichts.“, bemerkte der Hauptmann. „Warum?“, fragte der Geschützführer. „So gut wie heute bringen wir die 40 Schuss selten wieder raus.“ Unser Beschuss fügte dem Zielgebäude wenig Schaden zu. „Lassen Sie uns das Programm durchziehen, wo wir hier so schön sitzen.“, meinte auch ich. So geschah es dann auch. Nach dem letzten Schuss brachten wir die Haubitze aus dem Gebäude in eine andere sichere Deckung. Der Russe wusste nun, von wo wir geschossen hatten und würde die Stellung am folgenden Tage vernichten wollen. Schließlich gingen wir erleichtert und zufrieden zu einem Schluck Wodka und einer Zigarette in einen Keller in Deckung. Ich rauchte fast nie, empfand keinen Genuss, auch keine Ablenkung oder Beruhigung dabei. Rauchen war eher ein Gesellschaftsspiel, das eben dazugehörte. Vielen Soldaten allerdings bedeutete die Zigarette vor oder nach einem Einsatz sehr viel. Das war für sie mehr als nur Gewohnheit.

 

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Der Kirchturm oberhalb des Bahnhofs Stalingrad Mitte (Hbf).

 

Der Angriff auf das Russengebäude war auch diesmal fehlgeschlagen. Erst später gelang eine plötzliche Überrumpelung ohne größere Vorbereitung. Für uns war es der letzte Einsatz einer Haubitze im Häuserkamp Stalingrads. Nun musste unser Geschütz nur noch zurück in die Feuerstellung beim Badehaus gebracht werden. Nachts sollte eine Protze mit sechs Pferden das Geschütz abholen. Der Russe durfte möglichst nichts merken. Im Mannschaftszug ging es zunächst hinter einen Gebäudekomplex, der es zuließ bei Einsatz von Leuchtmitteln mit der Protze vorzufahren. Es klappte zunächst alles programmgemäß, aber im Bahnhofsgelände fuhr das Geschütz in einer Weiche fest. Die Pferde stolperten zwischen den Gleisen herum. Alle diese Schwierigkeiten ließen sich schließlich überwinden, doch es kostete wertvolle Zeit. Mit den so viel unhandlicheren schweren Haubitzen hätte es noch mehr Mühe bereitet. Die bei der 10. Batterie gemachten Erfahrungen mit der Festfahrerei kamen mir nun zugute: Ich konnte mich als Experte profilieren.

 

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Die B-Stelle unserer 2.Batterie.

 

Hinter dem Bahngelände ging es steil bergauf und die Pferde hielten nicht durch. Immer wieder kurze Rast und Keile hinter die Räder - anfahren - Kanoniere in die Taue. Als es hell wurde, hatten wir es endlich geschafft. Das Geschütz war zwischen den Gebäuden auf der Höhe in Sichtdeckung und konnte später in aller Ruhe in die Feuerstellung gebracht werden. Hätten wir es nicht gleich im ersten Anlauf geschafft, so hätten wir die Haubitze zurücklassen müssen. Das Ergebnis wäre, wenigstens Protze, Bespannung und Leute in Sicherheit zu gebracht zu haben, um es dann in der nächsten Nacht noch einmal zu versuchen. In der Zwischenzeit hätte aber auch der Russe das Geschütz entdecken und durch Artilleriebeschuss vernichten können. Man muss eben auch mal Glück haben.

 

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Ein Teil des zerstörten Bahnhofsgeländes.

 

Meine beiden Russenkanonen an der Wolga erzielten einen schönen Erfolg. Bei hereinbrechender Dunkelheit pflegte täglich ein mit zwei aufgesetzten T 34 Türmen bestücktes Flusskanonenboot, mit hoher Geschwindigkeit flussabwärts zu fahren und unser Ufer mit Schnellfeuer zu belegen. Das bewirkte zwar nicht viel, war aber ärgerlich. Meine Kanoniere hatten schon mehrfach vergeblich auf das Boot gefeuert. Diesmal hatten sie sich sorgfältig auf einen Punkt eingeschossen, den der „Monitor“ immer passierte. Als er nun am entscheidenden Tag mit dem Bug den anvisierten Punkt erreichte, schossen unsere beiden Kanonen fast gleichzeitig und trafen. Das beschädigte Boot hielt auf eine Wolga-Insel zu und war sogar noch imstande zu feuern. Unsere Kanonen erwiderten unaufhörlich. Ob wir noch einmal trafen, war unklar geblieben. Das Schiff sank schnell. Wegen der Besonderheit dieses an sich unbedeutenden Duells erfolgte sogar eine Erwähnung im Wehrmachtsbericht vom 10. Oktober 1942. Es gab auch einige Eiserne Kreuze für meine Küstenartilleristen, die sich natürlich freuten. Als Soldat muss man auch Glück haben - nur Erfolge zählen. Die Leistungen Glückloser werden nicht honoriert. Während in unserem Divisionsabschnitt nach und nach klare Verhältnisse eintraten, weil die letzten noch von Russen gehaltenen Gebäudekomplexe und Straßenzüge mühsam unter Opfern genommen wurden, sah es nördlich von uns schlecht aus. Vor allem die großen Industriewerke, Traktorenwerk „Dserschinski“, Geschützfabrik „Rote Barrikade“, Hüttenwerk „Roter Oktober“ und andere, wurden hart umkämpft und doch nicht genommen. Angreifer und Verteidiger hatten sich in zerstörten Fabrikhallen hoffnungslos ineinander verbissen, wobei die mit ihren Anlagen vertrauten Russen im Vorteil waren. Selbst die herbeigeschafften Pionierspezialeinheiten brachten keinen Schwung mehr in die Sache.

 

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Weg Richtung Innenstadt, im Hintergrund ein russischer Panzer T 34.

 

Aber Hitler prahlte schon: Stalingrad sei genommen. Es hätte größerer frischer Verbände bedurft, Stalingrad vollständig in die Hand zu bekommen. Doch die standen nicht mehr zur Verfügung. Man hatte sich mächtig übernommen und an der Kaukasusfront lief es auch nicht nach Plan. Deutschland hatte die Grenzen seiner Möglichkeiten erreicht und seine Gegner wurden nicht schwächer, sondern dank der US-Lieferungen und anderer alliierter Hilfe immer stärker. Die 71. Infanterie-Division richtete sich an der Wolga auf Stellungskrieg ein und bereitete sich auf den Winter vor. Man hoffte auf das nächste Jahr, auf Ablösung durch frische Truppen. Der Gedanke, dass die abgekämpfte Division herausgezogen werden müssen, um sich zu reorganisieren, lag auf der Hand. Wer bis jetzt überlebt hatte, war guter Dinge und träumte von einem baldigen Frankreich-Sommer. Der allgemeine Urlaubsbetrieb, der während des Feldzuges geruht hatte, wurde wieder aufgenommen.

 

Heimaturlaub

 

Unvermutet legte man mir nahe, möglichst bald heim zu fahren, weil man zu Weihnachten in erster Linie an Familienväter dachte. Mir war das recht. Urlaub darf man im Krieg nicht ausschlagen. Man muss ihn nehmen, wenn er sich anbietet, denn zu oft kommt etwas dazwischen. Die Schreiberei mit Ruth, meiner Brieffreundin, hatte sich positiv entwickelt. Ich wollte sie unbedingt wiedersehen. Leider war Ihr Bruder Manfred nach erst ganz kurzem Fronteinsatz am 3. September 1942 als junger Infanterie-Leutnant bei Rshew gefallen. Ich musste immer wieder an den Tod meines Geschützführers am 4. September 1942 und an mein eigenes unwahrscheinliches Glück bei dem Granattreffer an diesem Tag denken. Zufall oder Bestimmung – wer weiß? Dieser Schlag hatte Ruth und ihre Familie natürlich schwer getroffen. Ruths Briefe waren einsilbiger und zurückhaltender geworden. Dennoch fing ich an, die Sache mit Ruth ernst zu nehmen. Den Briefwechsel mit anderen Mädchen, die ich mir „für alle Fälle“ warm gehalten hatte, ließ ich vorsichtshalber einschlafen. Ich wollte niemanden verletzen. Am 16. November fuhr ich mit der Feldküche in meine Protzenstellung westlich der Stadt zurück. Diese war geschickt in eine enge Balka hineingebaut worden. Unterstände und Ställe waren in die Steilhänge gegraben. Erst wenn man in die Balka hinein fuhr, konnte man „Protzendorf“ erkennen. Es gab für mich wenig Gelegenheit, nach hier her zu kommen. Der Platz des Batteriechefs war auf der B-Stelle, von der ich in Stalingrad in wenigen Minuten meine Feuerstellung erreichen konnte. Für den Besuch dieser Stellung hätte ich aber einen ganzen Tag einkalkulieren müssen, wenn dort etwas durch mich zu erledigen gewesen wäre. Daher war der Spieß bei den Protzen und Pferden uneingeschränkter Herrscher im Zusammenwirken mit dem Futtermeister, welcher ebenfalls recht unabhängig bei seiner Pferdewirtschaft war. Wenn Stärkemeldungen oder andere Papiere von mir zu unterzeichnen waren, wurde der Rechnungsführer zur B-Stelle vorgeschickt, der dann auch meine Anordnungen übermittelte. Selten, dass der Spieß selbst einmal nach vorn kam. Rechnungsführer war der Stabsgefreite Eickmann geworden, nachdem sein Vorgänger, ein Unteroffizier, den ich nicht mehr kennen gelernt hatte, ausgefallen war. Eickmann war zuvor Richtkanonier gewesen und qualifizierte sich als kaufmännischer Angestellter für die neue Aufgabe. Er machte seine Sache gut und war ein zupackender kräftiger Kerl, sympathisch und selbstsicher im Auftreten. Warum hatte er es als Soldat nicht weiter gebracht? Da musste wohl mal etwas gewesen sein. Bei meinem Spieß war ich mir mit meinem Urteil nicht so sicher. Der war Berufssoldat und im Umgang mit Vorgesetzten aller Art erfahren. Er wusste nur zu genau, wie man einen jungen Oberleutnant zu nehmen hatte. Der Fehler war, dass ich ihn sofort durchschaute. Ich hatte meine Erfahrungen als Leutnant unter Kuhlmann gemacht, dessen fachlich tüchtiger Spieß versucht hatte mich zu überspielen ohne dass Kuhlmann mir beigestanden hätte. Ich musste früh lernen, mich allein durchzubeißen und mein Feld zu behaupten. Mit 19-20 Jahren ist das nicht ganz einfach. Offenbar hatte ich meinen Spieß bei der 2. Batterie schon bei unserem ersten Zusammentreffen schwer enttäuscht. Ich reagierte auf seine mit Wein und Zigarren übertriebene Bewirtung am gedeckten Tisch nicht dankbar, sondern untersagte jede Extrabeköstigung. So bestand ich auf das Einheitsessen für die Angehörigen der gesamten Batterie. Das betraf auch Kantinenwaren. Die Leute in der Protzenstellung hatten ohnehin den Vorteil, sich einzeln oder in kleinen Gruppen zusätzlich Abwechslung in der Verpflegung zu beschaffen und nach Lust und Laune herumzubrutzeln. Allerdings war in der Steppe um Stalingrad herum bis auf Melonen nichts zu holen, schon gar nicht mehr um diese fortgeschrittene Jahreszeit. Am 17. November ließ ich mich mit einem Panjewagen zum Bahnhof Gumrak fahren, wo die Feldpost abzuholen war. Es gab kalte Füße in den Lederstiefeln. Der Boden war schon hart gefroren und in der Nacht fiel der erste wenige Schnee. Um den Bahnhof Gumrak herum hatte ich im September das Duell zwischen unserer Flak und den T 34 beobachtet. Das war der Tag, an dem mir die Protze um die Ohren flog. Die mir dabei zugezogene Oberarmprellung wäre längst vergessen, wenn ich nicht eine fühlbare Fettgeschwulst an der betroffenen Stelle meines Arms entdeckt hätte. Ich befand mich in Gumrak nun in bester Stimmung. Es ging nach Hause und gewiss auch zu Ruth. Ein aus zwei Personen- und einigen Güterwagen bestehender Zug vor dem eine Straßenzugmaschine gespannt war stand bereit. Die Gummiräder der Zugmaschine ersetzte man durch Eisenbahnräder. Damit konnte sie auch als Lokomotive eingesetzt werden. Die Abfahrt dauerte und es war lausig kalt. In den Wagons gab es keine Heizung. Schließlich ging es dann im Zuckeltrab mit häufigem Zwischenhalt nach Kalatsch am Don. Dort angekommen, wurden wir registriert, fassten unsere Marschverpflegung und in der Nacht zum 19. November ging es mit dem Omnibus weiter bis zum Bahnhof Tschir. Unser Bus fuhr auf der Rollbahn am westlichen Don-Hochufer, wo der Überfall auf die IV. Abteilung stattgefunden hatte. Vor allem der 11. Batterie war das schlecht bekommen und Balthasar war an den unnötig hohen Verlusten nicht unschuldig gewesen. Eine genaue Orientierung war in der Dunkelheit nicht möglich. Meine Gedanken eilten bereits der Heimat entgegen. Im Gegensatz zu Kalatsch herrschte auf dem Bahnhof Tschir ein ziemliches Durcheinander. Es gab keine klaren Auskünfte. „Alle Züge, die abfahren, gehen nach Westen. Sucht euch einen!“ Auf den Gleisen standen mehrere Züge, mit gedeckten Güterwagen, einigen Personenwagen und vorgespannten Dampflokomotiven herum. Selbst die Lokführer kannten die Reihenfolge ihrer Abfertigung nicht. Die Personenwagen waren alle schon mit Soldaten überfüllt, die nicht mehr enger zusammenrücken wollten. Andere standen frierend in den Güterwaggons herum. Schließlich gelang es mir im ersten abfahrenden Zug einen solchen Stehplatz zu erklimmen. Der immer wieder anruckende Zug kam langsam in Bewegung. Allmählich begann es Tag zu werden. Ein scharfer eisiger Wind zwang uns zum herumtrampeln und Armeschlagen. Die Kälte hielt wach und viele fluchten. Was konnte man sonst schon tun? Der Zug hielt häufig ohne erkennbaren Grund. Bei einem der ersten Halte kam ich mit einigen Offizieren ins Gespräch und fand dadurch Zugang zu einem Personenwagenabteil. Man war schließlich doch noch enger zusammengerückt und hatte weitere Mitreisende aufgenommen. So konnten die kalten Abteile mit vermehrter menschlicher Wärme erträglicher gemacht werden. „Mief ist besser als kalter Ozon.“ war ein bekannter Landserausdruck. Der immer stärker werdende Wind, der durch jede Ritze drang, brachte den überlangen Zug in einer Kurve zum Stehen, weil er sich zwischen den Waggons verhakte. Versuche durch Vor- und Rückwärtsfahrt ihn wieder frei zu bekommen waren vergeblich. Die Lokomotive schaffte es einfach nicht. Es dauerte Stunden, bis Vorspann kam. Die nachfolgenden Züge konnten auf der eingleisigen Strecke nicht an uns vorbei. Als die Fahrt in dem großen Bahnhof Jassinowotaja ein Ende fand, war ich müde, steif und unlustig. Bis hierher kamen die regulären Urlauberzüge auf umgenagelter deutscher Spur. Jassinowotaja war ein Eisenbahnknotenpunkt im weitmaschigen einspurigen Netz der russischen Eisenbahnen. Der heruntergekommene Bahnhof stammte noch aus der Zarenzeit, bot keine Unterkunftsmöglichkeit, doch man konnte warme und kalte Verpflegung empfangen und sich etwas aufwärmen. Jeder hamsterte etwas, um denen daheim etwas mitbringen zu können. Schließlich bestand noch die Möglichkeit für eine Nacht in eins der kleinen nahegelegenen Holzhäuser eingewiesen zu werden. Mit einigen mir fremden Offizieren machte ich davon Gebrauch. Ich hatte das unüberwindliche Bedürfnis zu Schlafen. An ein Weiterkommen war ohnehin erst gegen Mittag des Folgetages zu denken. Das Holzhaus wurde von einer russischen Großfamilie bewohnt, die zusammenrückte und uns Betten anbot. Sie war wohl auf „Gäste“ eingerichtet und man schaffte frische Bettwäsche herbei. Nach Lage der Dinge erschien uns „Hotelgästen“ das Wanzen- und Läuserisiko aber zu groß. Wir richteten uns lieber in der vom zentralen Ofen beheizten Kammer auf dem Fußboden ein. Einer fand sogar auf dem Tisch Platz. Die „Hoteldirektion“ war erfreut einverstanden. Viele russische Häuser besitzen in der Mitte des Hauses einen durch mehrere Stockwerke gehenden, großen gemauerten Zentralofen, der mehrere angrenzende Räume beheizt und auch vom Feuerherd mit gespeist wird. Die für den Winter eingehängten Doppelfenster ließen sich nicht öffnen. Zwischen den Scheiben war zur Isolierung Sägemehl eingeschüttet. Viel Tageslicht konnte da nicht in die Räume fallen. Mit der Hygiene war es auch so eine Sache. Bei Kälte wurde das Wasser knapp. Die Körper- und Kleiderwäsche beschränkte man dann auf ein Minimum. Dennoch machten diese Hausbewohner einen reinlichen Eindruck. Sie hätten nach Lage der Dinge nicht mehr ausrichten können. Die Leute waren sehr freundlich zu uns. Aus den von uns überlassenen Naturalien richteten sie eine schmackhafte Mahlzeit an, die auch für sie reichte. Am meisten war man an unserem Kommissbrot und den Konserven interessiert. Die Russenkinder wurden durch Schokolade und Bonbons zutraulich. Als wir am nächsten Morgen erwachten, schien schon längst die Sonne und brachte vom reflektierenden Schnee Licht durch die kleinen Fenster in die Kammer. Nur einer hatte unter Wanzen gelitten - der Mann auf dem Tisch. Das empfanden wir anderen als gerechten Ausgleich für den besseren Platz. Nach kurzem Frühstück ging es zurück zum Bahnhof. Mehrere Urlauberzüge standen nach Norden und Süden bereit. Nach Westen ging es über Kiew und Kowel nach Deutschland. Der passende Zug war mit Eilzugwagen-Holzklasse ausgestattet. Jeder Wagon wurde an beiden Enden mit einem Kanonenofen beheizt, der genügend angenehme Wärme verströmte. Bis dieser Zug am späten Vormittag abfuhr, hatte er sich ziemlich gefüllt. Es war der 20. November 1942. Schon am 19. hatten die Russen begonnen, Stalingrad einzukesseln, wie ich später erfuhr.In unserem Wagon befanden sich auch einige deutsche Eisenbahner in ihren dunkelblauen Eisenbahneruniformen mit zusätzlich weißer Armbinde „Deutsche Wehrmacht“. Diese Binde verlieh ihnen für den Fall einer Gefangennahme kriegsvölkerrechtlich den Kombattantenstatus. Man hätte sie sonst als Freischärler behandeln können, ob mit oder ohne Waffe in der Hand. Bis Jassinowotaja war der Eisenbahnverkehr Sache der deutschen Reichsbahn, weiter zur Front hin übernahmen die Eisenbahnpioniere. Die Fahrt durch die Schneelandschaft war langweilig. Rechts und links der Strecke sah ich Fichten oder Buschhecken gepflanzt, die gegen Schneeverwehungen schützen sollten. Dadurch wurde aber der Blick in die Gegend verstellt. Selten passierten wir eine nichtssagende Ortschaft. Oftmals blieb der Zug an Ausweichstellen stehen, um den Gegenverkehr vorbei zu lassen. An den Bahnhöfen war erbeutetes Kriegsmaterial zusammen gefahren. Hauptsächlich waren es Panzer, die deutschen Hüttenwerken zur Metallgewinnung zugeführt werden sollten. Wir verbrachten die Zeit so gut es ging mit Gesprächen. Die Eisenbahner waren viel herumgekommen und erzählten gern. Sie wollten von russischen Großangriffen wissen, die gegen rumänische und italienische Frontabschnitte vorgetragen würden. Als Verbündete sollten sie die den Rücken der Stalingrad-Front sichern. Die Sorge war berechtigt, warum sollte der Russe nicht wie im Vorwinter seinen Vorteil nutzen und an schwachen Stellen anzugreifen versuchen? Die Biertischstrategien der Eisenbahner, die ja nichts Konkretes wussten, interessierten uns nicht. Wir sahen keine Gefahr für Stalingrad, wünschten nur, dass endlich alle Russen vom Wolga-Westufer vertrieben werden konnten. Aber die Eisenbahner waren insgesamt skeptisch. Es fehle doch an allen Ecken und Enden und nur mit Improvisationen sei kein Krieg zu gewinnen. Lokomotiven fehlten, aber auch die Kohle um sie zu beheizen. Der Wagonmangel sei unübersehbar. Es gab großen Mangel an Wartungs- und Reparaturmöglichkeiten, vor allem auch an notwendigen Ersatzteilen. Am Gleisbau müsste auch mehr getan werden. Die britisch-amerikanischen Luftangriffe machten sich bemerkbarer, als man wahrhaben wollte. Ohne neues Material sei bald Schluss mit allen „Zauberkunststücken“. Wo nichts mehr ist, da helfe der kühnste Befehl nicht weiter… Sie waren ins Meckern und Miesmachen abgeglitten. Wir maßen dem Zivilistengejammer keine Bedeutung bei. Die sollten doch zufrieden sein, dass sie nicht an die Front mussten, wo es um vieles ungemütlicher war. Andererseits fragten wir uns, warum wir so sehr unter Munitionsmangel zu leiden hatten und warum man in Stalingrad herumkleckerte, statt der Würgerei in den Industriewerken mit ein paar frischen Divisionen ein schnelles Ende zu bereiten. Die Hauptarbeit hatten wir doch schon geleistet. Man sprach dann lieber über erfreulicheres. Frankreich – ja, da fuhren die Eisenbahner auch gern hin. Da ließ es sich immer noch leben. Abwechslung, Unterhaltung und kleine Geschäftchen gab es dort noch genug. Durch Jugoslawien wurde nicht sehr gern gefahren. Andauernd passierte etwas. Freischärler und Banditen verübten Überfälle, sprengten Brücken und Tunnel. Auf die „ltaker“ (Italiener) sei wenig Verlass. Teilweise kungelten die sogar mit den „Balkanesen“. Nur die Kroaten sorgten radikal für Ordnung und würden jeden Widerstand zusammenschießen. Der Begriff „Partisan“ wurde von uns Deutschen noch wenig benutzt. Wir hielten ihn für eine heroisierend beschönigende sowjetische Bezeichnung für den verrohenden, meist völkerrechtswidrigen Bandenkrieg, der oft auch die Zivilbevölkerung in Mitleidenschaft zog. Wir im Süden hatten damit kaum etwas zu tun. Im Mittelabschnitt dagegen, sah das ganz anders aus. Die Eisenbahner begannen schon wieder zu „dramatisieren“. Ja, im Norden bei den Letten und Esten, da herrsche Ordnung. Da werde erbarmungslos zugeschlagen, wenn sich Widerstand rege. Die Gespräche wechselten zu den „Heldentaten“ der Soldaten, zu den „Bombennächten“ der Eisenbahner und weiter zu lustigeren Dingen – vor allem Weibergeschichten. Hier konnte ich nichts beisteuern, weil ich noch nichts „handfestes“ erlebt hatte. Schließlich fuhr der Zug auf einer großen Behelfsbrücke über den Dnjepr nach Kiew ein. Auf den Bahnsteigen herrschte lebhafter Betrieb. Sehr viele frierende Italiener liefen in ihren dünnen Mäntelchen herum. Ich beobachtete auch Offiziere mit allerhand Goldstickerei an Extrauniformen. Aber alle schienen die Köpfe hängen zu lassen. Wohl jeder hatte mit dem russischen Kriegsschauplatz nichts mehr im Sinn. Die Italiener wirkten mit all ihren putzigen Kopfbedeckungen - Federn am Hut oder Zipfelmützen - unter den Menschen noch farbenfroher und lebhafter. Wir Deutschen waren dagegen wie selbstverständlich eintönig ohne recht eine Mine zu verziehen. Bei der Ausfahrt aus Kiew schaute ich aufmerksam aus dem Fenster, ob sich bei mir Erinnerungen aus dem Herbst 1941 auffrischen ließen. Überraschend führ der Zug durch den Ausflugsort Budajewka, wo ich bei der 6. Batterie ein paar ruhige Tage verlebt hatte ehe ich Balthasar kennen lernte. Wäre ich bloß bei der II. Abteilung geblieben. Major Neumann wollte mich gerne haben und mir wäre mancher Verdruss erspart geblieben. Der Adjutant Peter Schmidt hatte es gut gemeint, als er meine Rückkehr zur IV. Abteilung betrieb. War sein sinnloser Tod am Don nicht auf die Unvernunft Balthasars zurückzuführen? Aber dieses Schicksal war im schnellebigen Krieg schon längst zur Vergangenheit geworden. In Kowel lief der Betrieb kasernenmäßig ab: Entlausen, Verpflegen, großes Fresspaket empfangen, Dank des Führers an seine Soldaten, Urlaubsschein abstempeln lassen – und ab… Ab jetzt rechnete der Urlaub bis zum Datum des Stempels mit der Abfahrt vom Heimatbahnhof. Für die Weiterfahrt gab es einen ordentlichen D-Zug. Die Wagen wurden von der Lokomotive mit beheizt. Vorn befand sich der Küchenwagen, in dem man warme Mahlzeiten und Getränke empfangen konnte. Die Zwangsentlausung in Kowel akzeptierte ich, obwohl ich bisher mit Läusen noch nichts zu tun hatte. Der Zug war schwach besetzt. Ich teilte ein 1. Klasse-Abteil mit einem fremden Offizier. Nur mit kurzen Unterbrechungen hatten wir lang ausgestreckt geschlafen. Schlaf war nachzuholen und Schlaf auf Vorrat war nützlich. Der wenige Urlaub war viel zu schade, um verschlafen zu werden. Gerüchte kamen auf und verdichteten sich: Stalingrad sei von den Russen eingekesselt worden, nachdem man bei den Rumänen und Italienern durchgebrochen sei. Deren Fronten hätten sich in Auflösung befunden. Das wurde von mir und anderen Stalingradurlaubern heftig bestritten, von dem schmalen Streifen entlang der Wolga im nördlichen Stadtbereich einmal abgesehen, sei Stalingrad doch fest in deutscher Hand. Die Kampfhandlungen hatten nachgelassen, würden im Winter wohl ganz einschlafen. Nein, um Stalingrad, machten wir uns keine Sorgen. Erst im Kreuzungsbahnhof in Eichenberg musste ich umsteigen und war nach wenigen Kilometern in Göttingen und endlich zu Hause. Natürlich wurde ich freudig empfangen. Mein Fresspaket und andere angesparte Naturalien waren hochwillkommen, obwohl noch niemand hungern musste. Zu Hause war eigentlich alles unverändert. Die Stadt hatte noch keinerlei Schaden genommen. Lebensmittelmarken und allgemeine Bewirtschaftungsmaßnahmen waren gewiss lästig, aber unter den gegebenen Umständen erträglich. Gut organisieren konnten die Nazis. Hätten die Sieger und ihre sich andienenden deutschen Knechte 1945 wenigstens die bestehenden, immer noch funktionierenden Verteilungsorganisationen beibehalten, wäre weniger gehungert und gedarbt worden. Aber da war ja über Nacht alles, was mit „NS“ in Verbindung gebracht werden könnte „Pfui“ und musste beseitigt werden. Männer im wehrfähigen Alter sah ich kaum noch. Viele Göttinger waren gefallen oder verwundet. Der wichtigste Besuch galt erst einmal meiner Ruth. Sie lebte in Idar-Oberstein. Nur kurz nach meiner Ankunft fuhr ich los. In Idar-Oberstein angekommen, suchte ich mir ein Hotelzimmer und nahm telefonische Verbindung über die Poststelle der Tante von Ruth auf. Ruth wirkte am Telefon kränkelnd. Sie litte unter starken Halsschmerzen und könne mir leider nicht entgegen kommen. Omnibusverbindungen bestünden im Kriege nicht und ich müsse mit der Bahn nach Fischbach zurückfahren. Von dort fahre um 9 Uhr früh ein Postzustellauto bis Herrstein und den Rest müsse ich schon zu Fuß bewältigen. Das Postauto konnte höchstens drei Personen mitnehmen. Daher war es fraglich, ob das überhaupt klappen werde. Eigentlich hatte ich mir einen stürmischeren Empfang vorgestellt. Ich war enttäuscht. Ruth war inzwischen schon 19 Jahre alt und hätte doch ihr scheues Verhalten abgelegt haben können. Nun war ich aber einmal nach Idar-Oberstein gekommen und würde nicht mehr umkehren. Ich fand das fahrbereite Postauto neben dem Postamt in Fischbach-Weierbach. Die paar Mitfahrersitze im gelben Kastenwagen waren bereits mit älteren Frauen besetzt. Aber Fronturlauber ließ man nicht auf der Straße stehen. Sie rückten unwillig zusammen und brachten ihre Körbe im Gepäckabteil unter, wo ich auch meinen Koffer und den Säbel verstaut hatte. Dann begann die Fahrt über Dörfer, wo die Postsäcke ausgeliefert und andere entgegengenommen wurden. Das alles dauerte seine Zeit. In Herrstein, einem mittelalterlich ummauerten Städtchen von der Größe eines Dorfes, endete die Fahrt. Leider war keine der Frauen vorher ausgestiegen. Bis zum Schluss ging es eng und unbequem zu. Nachdem ich nach dem weiteren Weg gefragt hatte, marschierte ich los und holte schon bald die vorausgegangenen Frauen ein. An denen wollte ich eigentlich schnell vorbei, doch die waren inzwischen sehr gesprächig geworden und hielten mich auf. Das waren Hamster-Frauen, welche die Bauernhöfe abklapperten um Zusatzverpflegung zu erwerben. Vermutlich nicht nur für den Eigenbedarf, sondern auch für kleine Hamster-Geschäfte. Wer als Offizier in der Heimat etwas auf sich hielt, hatte die Hände frei und schleppte keine Gegenstände mit sich herum. Mein Koffer war nicht schwer, doch in Verbindung mit dem Säbel hinderlich. Noch hatten es die Frauen mit ihren leeren Körben und Taschen leichter. Wenigstens war es durch die waldreiche Hundsrücklandschaft ein landschaftlich reizvoller Weg. Endlich wurde ich „meine“ Damen los, die sich getrennt auf die einzelnen Höfe stürzten. Der weitere Marsch allein wurde mir dann doch recht langweilig und der Koffer störte zunehmend. Die Landstraße führte nun durch eine Fichtenschonung steil bergauf. Gegen den Horizont entdeckte ich im Straßeneinschnitt eine schlanke weibliche Silhouette, die mir entgegen kam. Könnte es Ruth sein? Schön wär’s, doch die war ja so erkältet. Im Entgegengehen kamen wir rasch zusammen und es war tatsächlich meine Ruth in Begleitung ihres Rauhaardackels. Ruth hatte ein freundlich verlegendes Lächeln aufgesetzt. Wir gaben uns einen flüchtigen Kuss. Ich „musste“ nun immer öfter den Koffer von einer in die andere Hand wechseln, was Gelegenheit zu innigeren und ausdauernden Küssen bot. Ich fühlte mich glücklich und zufrieden, denn nun konnte es doch noch ein schöner Urlaub werden. Die schwere Erkältung Ruths musste sich urplötzlich völlig gebessert haben. Sie plauderte vergnügt und ungezwungen mit mir, bis wir das große alte Schulhaus in Wickenrodt erreicht hatten, wo sie lebte. Ruth führte mich schräg über einen gefährlich zu begehenden Wiesenhang, um der dörflichen Neugier auszuweichen. Im Hausflur begegnete uns zuerst ihre Mutter. Sie war schwarz gekleidet und wirkte bedrückt. Ihr einziger Sohn war ja erst vor kurzem in Russland gefallen. Wie fast alle, hatte es ihn nach dem Abitur zur „Fahne“ gezogen. Auch durch Offiziere, die vor dem Frankreichfeldzug im Schulhaus einquartiert gewesen waren und über die Siege im Westen berichteten, ermuntert. 1942 ging Ruths Bruder als Infanterie-Leutnant an die Front und fiel bei einem der ersten Einsätze einem Granatwerferangriff zum Opfer. Um die Trauer nicht noch weiter zu vertiefen, vermied ich es von Kriegserlebnissen zu erzählen. Das fiel mir leicht, denn ich wollte meinen Urlaub in friedlicher Atmosphäre fernab vom Kriegsgeschehen genießen. Meiner Veranlagung folgend schaltete ich ab und verdrängte die Unliebsamkeiten der letzten Monate völlig. Die Uniform störte mich dabei durchaus nicht. Ich trug sie gern und hoffte auch meiner Ruth damit etwas zu imponieren. Wie gern wäre ich auf einem guten Pferd herumgeritten. Zivilkleidung war im Krieg keine Empfehlung. Aus meinen Schüleranzügen war ich längst heraus gewachsen. Seit dem Frühjahr 1938 hatte ich ununterbrochen Uniform getragen. Zwar ließ ich mir in Belgien und Frankreich schöne Zivilanzüge schneidern, doch das war dunkle Abendgarderobe. Hellere Stoffe standen nicht mehr zur Verfügung. Ruths Vater hatte kriegsbedingt in einem großen Nachbardorf eine mehrklassige Volksschule übertragen bekommen und sich dort ein Zimmer gemietet, weil der tägliche Weg dorthin zu weit gewesen wäre. Eine brauchbare Fahrverbindung gab es nicht und sein Privatauto durfte er im Krieg wegen der Treibstoffbewirtschaftung nicht nutzen. Natürlich kam der Vater an diesem Tag nachmittags nach Hause, um mich zu besichtigen. Er war ein untersetzter, freundlich-lebhafter Mann. Beim Erzählen erfuhr ich, dass Wickenrodt evangelisch sei. Bundenbach dagegen, wo er nun eingesetzt war, sei katholisch und der Konfessionsunterschied habe ihm dort als Schulleiter doch einige Anfangsschwierigkeiten bereitet. Auch gegenüber dem Nationalsozialismus gäbe es bei den Katholiken eine gewisse Reserviertheit. Er selbst sei, wie fast alle Lehrer, Parteimitglied geworden und mit Ämtern überhäuft - Ortsgruppenleiter in Wickenrodt im Range eines Blockwarts. Nach 1945 hat man ihn eingesperrt und kräftig büßen lassen um ihn schließlich als „Mitläufer“ später wieder zu entlassen. Nein, ein böser Nazi war er nie gewesen. Er hatte sogar seine Organistentätigkeit in der Kirche nicht eingestellt, obwohl ihm die NSDAP das mehrfach nahegelegt hatte. Politik wurde allgemein auf dem Land nicht so heiß gegessen, wenn nicht irgendein verrückter Hund dazwischen war oder Nachbarschaftsstreitereien politisch erledigt werden sollten. Immerhin wusste ich nun, dass Ruth evangelisch war und Konfession uns nichts anhaben konnte Das Schulhaus war gut beheizt. Ich wurde über Gebühr gut bekocht, was in dieser Zeit nur noch auf dem Lande möglich war. Nicht nur um mir neuen Appetit zu holen, wanderte ich mit Ruth durch den reizvollen herben Hunsrück - wir konnten unbeaufsichtigt herumschmusen und redeten über Belanglosigkeiten. In der Stube waren wir selten miteinander allein, wie wir es gern gewesen wären. Ruths Mutter werkelte fast ununterbrochen in der angrenzenden Küche herum und steckte immer wieder den Kopf durch die Tür, um etwas zu fragen oder zu sagen. Die zahlreichen Räume im Obergeschoß über dem Schulsaal blieben ungeheizt. Bei dieser Sachlage konnten wir uns zwei arg Verliebten nur recht begrenzt näher kommen. Über eine fast pausenlose Schnäbelei kamen wir kaum hinaus. Dennoch genügte auch das, um sich menschlich so weit nahe zu kommen, um über Verlobung und Heirat zu sprechen. Das passte so recht in meine Gedankenwelt. Mein unfreiwillig zölibatäres Leben ließe sich auch durch eine frühe Heirat beenden. Damals entsprach das den idealisierten Vorstellungen von der jungfräulichen Braut, die sich dem hehren Jüngling aufbewahrte und vermählte. Allerdings erwartete man, dass der Mann seine Familie ernähren könne und das war außerhalb des Besitzadels erst nach entsprechender Ausbildung möglich. Der Oberleutnant ging da nur so gerade - eben mehr schlecht als recht. Daher sah man Männern voreheliche Erfahrungen nach. Ruth erschien mir in jeder Hinsicht liebens- und begehrenswert, sowohl in Bezug auf das langhaarig-dunkle, rassig-liebliche Erscheinungsbild, als auch durch ihr zärtlich-sprödes Wesen. Natürlich zierte sich meine Ruth, als ich das Wort „Verlobung“ aussprach. Ruths Vater bat ich umständlich ungeschickt und steif um die Hand seiner Tochter, als er am Wochenende wieder zur Familie nach Wickenrodt kam. Ich hatte schließlich keine konkreten Vorstellungen, wie man sich in solch einer Lebenslage gewandt zu verhalten hatte. So marschierte ich, wie es meine Art war, ohne Umwege auf mein Ziel zu, um der Ungewissheit ein Ende zu machen. Ruths Vater antwortete eher unbeholfen: „Ja, was soll ich dazu sagen. Die Ruth ist ja mit ihren knapp 19 Jahren noch recht jung. Ich will mich auch noch mit meiner Frau bereden. Was sagt Ruth selbst denn dazu?“ Wir haben noch anderes unwesentliches miteinander beredet, als er Ruth herbei rief. Auch ihre Mutter äußerte einiges. Ruth tat noch einmal recht scheu, bekam einen roten Kopf und sagte dann aber ohne Ausflüchte einfach „Ja“. Damit war diese Sache erledigt. Im engsten Familienkreis wurde anschließend festlich getafelt, obwohl eine wesentliche Steigerung der Gastlichkeit gar nicht mehr möglich war. Ich wollte jetzt möglichst schnell wieder nach Hause, um meinen Eltern die frisch erworbene Braut vorzuführen. Den Anreisetag und die Verlobung teilte ich ihnen vorab schon mit. Die restlichen Tage im Hause Böckel gingen schnell dahin. Im Hunsrück fiel der erste Schnee. Für den Weg zum Bahnhof in Kirn hatte Vater Böckel den ihm verpflichteten Dorfbürgermeister bewogen, das junge Paar mit seiner leichten Pferdekutsche zu fahren. Es wurde eine romantische Fahrt durch eingeschneite waldreiche Täler. Der Zug nach Frankfurt war überfüllt. Nur noch in der 1. Klasse fand sich Platz. Wir setzten uns unbefangen nieder. Die Mitreisenden mussten wohl die frische Verliebtheit bemerkt haben. Es entwickelten sich wohlwollend neckende Gespräche, die Ruth nicht behagten. Bei der Fahrkartenkontrolle wäre sie am liebsten im Boden versunken. Während der Schaffner mich ungeschoren ließ, musste ich für Ruth die Differenz zur 2. Klasse nachzahlen. Bis Frankfurt war das nicht teuer. Dort hofften wir ein 2. Klasse-Abteil zu finden. Ruth fühlte sich immer noch als ertappte Diebin. In Frankfurt gab es einen längeren Zwischenaufenthalt, den ich nicht im Wartesaal verbringen wollte. Auf Urlaubsmarken spendierte ich in einem der großen Hotels am Bahnhofsvorplatz ein standesgemäßes Essen. Später entdeckte ich in dem von Frankfurt abgehenden Schnellzug ein zur 2. Klasse degradiertes 1. Klasse-Abteil. Der entsprechende Aufkleber hing recht locker an der Glasschiebetür und ich legte ihn einfach ins Gepäcknetz. So wurde unser Abteil gemieden, denn 1. Klasse-Reisende gab es noch selten. Da dieser Zug nur mäßig besetzt war, gab es genügend Platz. Unser Abteil gehörte uns ganz allein. Nur während der Halte, wenn Aus- und Zusteiger durch die Gänge kamen benahmen wir uns sittsam. Von der vorbei fliegenden Landschaft hatten wir wenig gesehen. Bei ständiger Knutscherei verging die Fahrt viel zu schnell. In Göttingen holte uns meine Schwester ab. Sie war einige Tage zuvor 18 Jahre alt geworden und ich stellte erstaunt fest, dass sie sich von der kleinen Schwester zur Frau entwickelt hatte. Sie tat nett bemüht, hatte sogar ein paar Blümchen dabei. Meine Eltern waren mit meiner Wahl zufrieden und gaben sich herzlich. Vorsorglich hatte mein Vater durch eine Detektei noch Erkundigungen über die Familie Böckel eingezogen. Das Ergebnis beruhigte ihn. Davon erfuhren wir aber erst später, rein zufällig. Vielleicht hätten meine Eltern wegen der ungewissen Zeiten lieber gesehen, dass ich mich erst später gebunden hätte, doch sie gönnten mir die Verliebtheit. Außerdem mochten sie Ruth. Inzwischen sprach man offen von der russischen Überlegenheit in der Winterkriegsführung und der Großoffensive, die zur Einschließung unserer Armee in Stalingrad geführt habe. Die Hörfunknachrichten berichteten fast nur noch über Stalingrad. Ich mochte das alles gar nicht glauben. Bei meiner Abfahrt schien die Lage doch stabil zu sein. Meine Eltern aber blieben beunruhigt. Was sollte man nun glauben? Ich ließ mir die gute Stimmung mit Ruth nicht verderben. Ich würde ja sehen was wirklich los war, wenn ich wieder in die Stalingrader Gegend komme. Also verschwendete ich keinen unnötigen Gedanken an den Krieg, lebte in den Tag hinein und war glücklicher als jemals zuvor. Verlobungsanzeigen wurden in der damals üblichen steifen Formulierung in Auftrag gegeben und kriegsbedingt auf Dünndruckpapier versandt. Dabei gab mein Vater zu bedenken, ob es für die Verlobung nicht einer Heiratsgenehmigung durch meinen Regimentskommandeur bedurft hätte. Hiermit hatte er recht. Doch mir war das nicht bekannt und so meinte ich unbekümmert: „Verlobungen kommen plötzlich wie ein Gewitter, da ist nichts vorauszuberechnen und ich kann doch keine Genehmigung einholen, solange noch gar keine Klarheit besteht. Bis zur Heirat ist noch genug Zeit und so eine Heiratserlaubnis kann wohl kaum versagt werden, wenn der Schwiegervater Beamter und Parteifunktionär ist. Was will man da noch mehr?“ Vergeblich hatte ich gehofft, wir beiden könnten im Elternhaus intimer miteinander werden - es wurde auch hier nichts. Meine Mutter schlich ständig um uns herum, sei es aus Absicht, aus Neugier oder nur aus mütterlicher Fürsorge. So kamen wir auch jetzt über Geschmuse nicht hinaus. Damals konnten Eltern noch wegen Kuppelei bestraft werden, wenn sie die schon Verlobten zusammen schlafen ließen. So streng waren die Gesetzte, wenn sie auch kaum einer eingehalten hat. Ich besuchte in Göttingen noch zwei Schulkameraden im Hilfslazarett. Dem einen waren als Infanteristen im Winter 41/42 beide Hacken erfroren und mehrfach nachamputiert worden. Für ihn war der Krieg aus. Ich war noch längst nicht so weit, dass ich ihn hätte beneiden können. Wir waren ja noch so jung und konnten uns ein Behindertendasein kaum vorstellen. Der andere hatte eine schwere Halsverletzung und war bereits auf dem Wege völliger Genesung. Da der Ersatztruppenteil meines Regiments in der Göttinger Artilleriekaserne lag, machte ich auch dort einen Besuch. Ich traf eine ganze Reihe alter Mitstreiter, die als genesene Verwundete ihren nächsten Fronteinsatz erwarteten, aber auch andere, die nicht wieder einsatzfähig wurden. Sie taten nun als Ausbilder Dienst. Mein einarmig gewordener Funker machte als Unteroffizier seine Sache gut und menschlich. Er schien recht beliebt zu sein und mein vor Kiew schwer an der Schulter verwundeter Kommandeur Major Futtig freute sich über meinen Besuch. Meine Leidensgeschichte unter seinem Nachfolger behielt ich für mich. Kuhlmann war auch da. Er fühlte sich wohl und hatte genug vom Krieg, während es Futtig wieder an die Front drängte. Kuhlmann verpasste den Rekruten eine harte Ausbildung und machte abends die Lokale der Göttinger Innenstadt unsicher. Er hatte den Krieg genossen und fühlte sich in der Uniform wohl und bedeutend. In seiner subalternen Beamtenlaufbahn hatte er sich stets deklassiert gefühlt. Der Mann war schon ein rechter Kommisskopp, und das nicht nur im schlechten Sinn. Natürlich musste ich mit ihm Saufen gehen und wir waren die besten Freunde. Ich habe beide nie wieder gesehen. Futtig fiel zu Kriegsende noch in Polen. Kuhlmann war verstorben bevor ich aus der Gefangenschaft zurückkehrte. Mein Freund Klaus Peters war nach einer leichten Verwundung auf Genesungsurlaub. Wie glücklich fühlte ich mich ihm gegenüber mit meiner schönen Braut prahlen zu können. Ich habe auch Klaus nicht wieder gesehen. Er ist 1944 als Infanterie-Leutnant im Osten gefallen. Seine Eltern waren schon recht alt und hatten nur das eine Kind aus später Ehe. Die Mutter konnte seinen Tod nicht überwunden und war nur noch bedingt ansprechbar. Leider ging auch dieser für mich letzte Urlaub mit den schönsten Tagen meines bisherigen Lebens viel zu schnell zu Ende. Im nächsten Jahr könnten wir dann vielleicht heiraten. Viele junge Frontoffiziere heirateten sehr früh und hinterließen junge Witwen, mit und ohne Kinder. Zwischen uns gab es am Bahnhof einen zärtlichen Abschied und Ruth entschwand …für Jahre. Mir sollten für lange Zeit nur noch Erinnerungen an sie bleiben.

 

Rückflug in den Kessel

 

Am nächsten Tag musste ich über Hannover wieder an die Front fahren. Die Nacht verbrachte ich bei meinen Großeltern in Hannover. Mehrmals gab es Fliegeralarm, der mich aber nicht aus dem warmen Bett bringen konnte. Unsere Flak schoss unaufhörlich. Hannover wurde schon häufig von englischen Bombern angegriffen und es hatte vor allem in den Industriegegenden Tote und Sachschäden gegeben. Die Terrorangriffe erfolgten aber erst in späterer Zeit. Meine Großmutter war ängstlich. Mein Großvater lag mit Anämie im Krankenhaus und führte das auf die unzureichende Ernährung zurück. Er war ein großer korpulenter Mann, der stets gut und überreichlich gegessen hatte. Das ging nun in den Städten kaum mehr. Er freute sich sehr über meinen Besuch und hätte nur all zu gern die Ruth kennen gelernt. Dieses Zusammentreffen sollte das letzte Mal gewesen sein. Meinen Großvater habe ich nie wieder gesehen. Er kam noch einmal kurz auf die Beine und starb im Sommer 1943, als ich nach dem Ende von Stalingrad als vermisst galt und man zu Hause mit meinem Tode rechnete. Mein Großvater hätte so gern noch einen Familien-Stammhalter erlebt. lm Zug nach Berlin saß ich mit einem noch jugendlich wirkenden Generalstabsoberstleutnant in einem Abteil. Als er von meiner Fahrt zurück nach Stalingrad hörte, sagte er: „Da kommen Sie jetzt nicht mehr trockenen Fußes hin. Stalingrad ist eingekesselt und es sieht gar nicht gut aus.“ Das war die erste verbindliche Auskunft. Presse und Rundfunk redeten noch immer um die Tatsachen herum. Sie schwafelten von schweren heroischen Kämpfen. „Wissen Sie was, Sie fahren besser zu Ihrem Ersatztruppenteil und melden sich dort. Entsprechende Befehle gibt es schon für alle Angehörigen der in Stalingrad eingeschlossenen Verbände.“ Ich entgegnete: „Wie kann ich das mit meinem Urlaubsschein, als einzige Legitimation? Die werfen mir noch Entfernung von der Truppe vor, wenn ich da aufkreuze. Ich halte mich lieber an meine Papiere und sehe zu wie weit ich komme. Vielleicht ist Stalingrad bis dahin schon wieder frei und zugänglich.“ „Das wohl kaum“, entgegnete der Oberstleutnant. „Es hat wenig Sinn, wenn Sie weiter fahren. Sie können sich auf mich berufen, wenn Sie hier bleiben wollen.“ Er machte schon Anstalten ein paar Zeilen zu Papier zu bringen, unterließ es aber, als ich zu erkennen gab, lieber den Versuch zu wagen, meine Batterie zu erreichen. Wir unterhielten uns dann noch über andere Dinge. Immer wieder ließ der Generalstäbler seine Skepsis bezüglich der deutschen Siegeschancen durchblicken. „Bleiben Sie gesund und viel Glück, Sie werden es nötig haben.“ Damit verabschiedete sich der Oberstleutnant als er in Berlin den Zug verließ. Bis Stalino verlief meine Reise noch problemlos. Dort wurden die Stalingrad-Urlauber bei kasernenmäßiger Unterkunft für einige Tage festgehalten. Stalino war eine langweilige gesichtslose Stadt, doch es gab Kino, Musik, Fronttheater und Truppenbetreuungsabende mit viel aufgesetzter Einerlei-Fröhlichkeit. „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai.“ lautete ein Modeschlager, der unentwegt gedudelt wurde. Es schien doch alles zu passen. Jetzt war trüber Dezember und für Mai, spätestens Sommer 1943 hoffte ich auf die Herauslösung meiner Division und einer schönen erholsamen Zeit im Westen. Ich dachte an Ruth und ans Heiraten. Die ukrainischen Theaterleute in Charkow hatten mir mit ihrem Improvisationstalent im Frühjahr besser gefallen. Die jetzt rein deutsche Truppenbetreuung benutzte zu sehr den Holzhammer, um Fröhlichkeit zu produzieren. In Stalino liefen viele Italiener herum. Bilder von Mussolini und dem kleinwüchsigen König waren an vielen Stellen aufgehängt. Bilder von Hitler sah ich nicht. Kurz vor Weihnachten hatte man mich bis zur Frontleitstelle Rostow weitergeleitet. Im Gedränge der Auskunfts- und Einweisungsstellen traf ich zufällig den Gefreiten Bode meiner Batterie, der auch aus dem Urlaub kam. Wir wollten versuchen, zusammenzubleiben. In Rostow kamen wir in der Unterkunft der Führerreserve der Heeresgruppe „Stalingrad-Don“ verhältnismäßig gut unter. Rostow wirkte als Stadt irgendwie großzügig, zwar heruntergekommen und schäbig, aber mit breiten Straßenzügen und Häuserfassaden aus dem 19. Jahrhundert hatte sie doch ein Gesicht. Trotz der ungünstigen Jahreszeit waren Russen dabei, an einer großen zentral gelegenen Kirche die Spuren der bolschewistischen Religionsfeindschaft zu beseitigen. Das war beeindruckend. Trotz Lenin und Stalin saß die russische Gläubigkeit tiefer als erwartet. Obwohl die Bevölkerung einer Ungewissen Zukunft entgegen ging, bemühte man sich um die Wiederaufnahme von Gottesdiensten. Waren die aufgezwungenen Auswirkungen von Ideologien und autoritärem System nur abwaschbare Tünche? Würden die Auswüchse des deutschen Nazi-Regimes eines Tages genau so verschwinden? In Adolf Hitler sahen wir keinen Verbrecher, denn wir hofften auf ein geeintes starkes, ideologiefreies Deutschland, das seinen Platz unter den Völkern würde behaupten können. In Rostow gab es ähnlich wie in Charkow ein russisches Theater, das sich bemühte Opern und Operetten zu spielen. Ich ging gern dort hin. Wenn ich auch sprachlich nichts verstand, fühlte ich mich dort wohler, als bei dem geschmacklosen Getue deutscher Conferenciers unserer Truppenbetreuung. Das Soldatenheim wurde von Rot-Kreuz-Schwestern anheimelnd geführt. Sie erzeugten ohne diese Aufdringlichkeit eine wohltuende, friedliche weihnachtliche Stimmung, die über die Wartezeit und Ungewissheit hinweg half. Mit materiellem Einsatz konnten sie dabei nicht dienen, denn es gab nichts was sie hätten verteilen können. Täglich fanden Appelle statt. Dabei wurden zunächst Infanterie-, Pionier- und Panzerjägeroffiziere ausgewählt, die sich bei frisch zusammengestellten Alarmeinheiten melden sollten. Diese Einheiten wurden aus zurückkehrenden Urlaubern und Genesenen gebildet. An der Front sah es schlecht aus. Die Russen drängten auf den Raum Rostow zu. Rumänische und italienische Verbände waren zusammengebrochen und flohen. Die Luftwaffen-Felddivisionen hielten nicht viel besser. Das war überhaupt so eine Idee vom Reichsmarschall Hermann Göring: mangels Sprit und Flugzeugen und des allgemeinen Bedarfs an der Front, wurden jüngere kampffähige Männer der Luftwaffe, vor allem das Bodenpersonal durchkämmt. Göring weigerte sich aber zuerst, seine Männer an das Heer abzugeben. Nach und nach wurden diese später den eingespielten Verbänden als Ersatz zugeführt. Er wollte eigene Divisionen, so wie Himmlers Waffen-SS, und dem Heer zeigen wie gesiegt wird. Diese unerfahrenen Truppen mussten versagen. Ihre oft hohen Verluste waren sinnlos. Nur die Flak-Batterien, mit ihren Waffen vertraut, besaßen meist schon Erfahrungen im Bodenkampf und hatten sich beispielsweise bei der Panzerbekämpfung bewährt. Sie waren erfolgreich, verbluteten aber, wenn sie den Rückzug ihrer untauglichen Divisionen decken und auffangen mussten. Ich konnte mir ausrechnen, dass ich auch als Artillerist in absehbarer Zeit bei einem der überstürzt zusammen gewürfelten Haufen landen würde, um auf Himmelfahrtskommando zu gehen. Dabei konnte man nur ohne Aussicht auf Erfolg versagen und verlieren. Vielleicht würde man gar als Versager zur Rechenschaft gezogen werden. Ich sehnte mich nach der warmen Geborgenheit des vertrauten Haufens - nach meiner Batterie. Die Möglichkeit eines Zusammenbruchs der Kesselverteidigung zog ich nicht in Betracht. Auch hier in Rostow rechnete keiner der jüngeren Offiziere mit dem Untergang der im Kessel eingeschlossenen Divisionen. Zu viele bewährte Kampftruppen lagen in und um Stalingrad. Ich glaubte an einen Sommer ohne Fronteinsatz und vielleicht einer Hochzeit als Hauptmann. Den Krieg wollte ich dann noch einmal „genießen“, denn ich hatte angenehme Erinnerungen an das damals sommerliche Frankreich oder Belgien. Unrealistisch kreisten meine Gedanken um Ruth, der ich fast täglich glühende Briefe schrieb, soweit das meine Nüchternheit zuließ. Inzwischen machte ich mich nun vorstellig, weil ich dringend im Kessel benötigt werde und der einzige Offizier meiner Batterie sei. Man gab meinem Drängen nach und übergab mir noch Kurierpost für das Armee-Oberkommando in Gumrak. So bekam ich einen Flugschein und durfte sogar Bode als meinen Burschen mitnehmen, der nicht allein zurückbleiben wollte. Bei sachlicher Beurteilung der Lage, hätte man keinen zusätzlichen Fresser in den Kessel einfliegen dürfen. Menschen gab es dort genug, die Mangel an Lebensmitteln und Munition durchzustehen hatten. Bei den höheren Stäben außerhalb des Kessels fehlte es an Überblick und klaren Konzepten. Man wurstelte dahin, zuckte die Achseln, steckte mit bunten Nadeln den sich ständig verschlechternden Frontverlauf auf der Karte ab und verschob Divisionen auf dem Papier: „…sammelt im Raum XY... tritt aus Linie RQ an …bereinigt den Einbruch bei R… verteidigt am Bahndamm HC… erwartet dort weitere Befehle... – alles Papier ohne Wert. Damals wusste ich nicht, dass der Generalfeldmarschall von Manstein die Heeresgruppe befehligte, der Paulus mit der 6. Armee im Kessel unterstand. Nach dem Krieg hat sich Manstein in seinem Buch „Verlorene Siege“ als überragenden Feldherrn präsentiert, der er in mancher Hinsicht wohl auch war, zu Stalingrad aber ist er recht einsilbig geblieben. Da hat er versucht, Paulus Schuld und Versagen zuzuschieben, obwohl er sich als dessen Vorgesetzter um Weisungen gedrückt hatte. Er will Paulus den Ausbruch „nahegelegt“ haben. Warum hat er ihn nicht befohlen? Hitler war der Ausbruch nicht abzutrotzen. Der wollte nicht klein beigeben, denn er hatte Stalingrad ja schon im September „erobert“ und die Kontrolle über die Wolga erreicht. Paulus kuschte vor Hitler. Er war ohnehin kein Draufgängertyp. Manstein, der über den besseren Gesamtüberblick verfügte, hätte handeln müssen. Von einem Feldmarschall musste man ein höheres Maß an Zivilcourage erwarten, gerade dann, wenn es um das Überleben oder Verrecken seiner Soldaten geht. Hitler war das Überleben seiner Soldaten nicht das wichtigste, wenn es um seine Visionen ging. Göring war an der Stalingradkatastrophe im höchsten Maße mit schuldig. Er konnte seine Luftversorgungszusage nicht einhalten und wusste das, schon ehe er sie abgab. Er war zum oberflächlichen Schwätzer und Schwadroneur verkommen, von Rauschgiften abhängig. Als ich mit meinem Bode auf dem Flugplatz in Rostow in eine JU 52 kletterte, kam ich an einer großen festgezurrten Kiste vorbei, die mit einem Pappschild „Weihnachtsgruß an den Kommandanten der Festung Stalingrad, Generaloberst Paulus“ versehen war. Diese Anschrift kam mir abgeschmackt und unpassend vor. Unter Festung verstehe ich eine bewusst errichtete Abwehrstellung, mit befestigten Schutzbauten und geeigneten Abwehrwaffen sowie ausreichenden Versorgungsmitteln. Das alles war Stalingrad eben nicht. Stalingrad insgesamt gesehen, war eine Katastrophe, die es so gut und schnell wie möglich zu bereinigen galt. Nicht zu Unrecht vermutete ich Alkohol und Fressalien für die „Stabshengste“ in dieser Kiste. Wenn die Truppe im Kessel hungerte, waren solch freundlich gemeinten Zuwendungen unangebracht, ja stillos und provozierend. Ich fieberte nun neugierig den nächsten Stunden entgegen. Die JU flog niedrig über die weiten Schneeflächen, stieg langsam höher, sackte wie ein Fahrstuhl wieder nach unten und wiederholte diesen Vorgang immer wieder. Schön war das Gefühl in der Magengegend nicht. Ich war das Fliegen nicht gewohnt. Links voraus sah man jetzt brennende Schuppen, Häuser und Qualmwolken von Treibstoffbränden. „Tazinskaja“, sagte einer. „Nachschubflughafen für Stalingrad. Wir Flieger sagen nur Tazi. Den haben Russen neulich zur Sau gemacht, mit ihren gottverdammten Panzern - den ganzen Flugplatz und alles was drauf stand. Aber jetzt sind wir wieder da.“ Kurz darauf landeten wir in Morosowskaja, einem anderen Feldflugplatz für Stalingrad. Auch hier befanden sich die Russen in unmittelbarer Nähe. Man hörte Artilleriefeuer und das kurze Bellen von Panzerkanonen. Auf dem Rollfeld wurden Bomber und Jäger mit Bomben ausgestattet. Einen hörte ich sagen: „Die drehen nur eine Lokalrunde und laden gleich da hinten bei den Iwans ab.“ Man konnte die Bombendetonationen in der Ferne im Dunst wahrnehmen. Es herrschte Nervosität. Erst einmal wollten wir uns aufwärmen, etwas zu Essen finden und uns erkundigen wie man nach Stalingrad kommt. Da man in Morosowskaja an die Aufgabe des Flugplatzes dachte, konnte Bekleidung und Verpflegung nach Belieben empfangen werden. Bode und ich holten uns warme Schneekombinationen, Filzstiefel und Seesäcke, die wir mit Brot und Konserven befüllt als Mitbringsel für die Batterie vorgesehen hatten. Bode meinte: „Da werden sich die Kameraden aber mächtig freuen, was wir ihnen da alles mitbringen.“ Im Kessel sollte große Hungersnot herrschen. Es standen einige HE 111-Bomber älterer Bauart herum, die mit Versorgungsgütern für den Kessel beladen wurden. Unsere beiden Seesäcke wurden verstaut. Bode fand noch in der Bugkanzel einen Platz. Ich musste mir in der nächsten Maschine einen Ort zwischen Kisten und Säcken suchen. Kurz nach dem Abheben flog meine Maschine eine scharfe Linkskurve. „Falsch getrimmt, da muss nachgesehen werden, so kann man nicht fliegen!“ Schon waren wir wieder in Morosowskaja gelandet. Das Warten in der Kantine mit Schnaps wärmte mich etwas durch. Auf dem Flugplatz herrschte rege Betriebsamkeit. Neben zweimotorigen Bombern und wenigen JU waren viele einmotorige Flugzeuge, Jäger und Stukas im Einsatz. Sie bekämpften den nahen Gegner pausenlos mit Bomben. Am Flugplatzrand waren erschreckend viel beschädigte, nicht mehr einsatzfähige Transportflugzeuge abgestellt. Piloten erzählten, von über 60 Maschinen flögen gerade noch 7. Ich hörte: „Das haut nicht hin mit der Versorgung. Wir kriegen die Maschinen bei dieser Kälte nicht warm und zum Laufen. Dauernd ist etwas im Arsch. Ganz Tazinskaja ist im Arsch und hier kommen die Russen auch noch her. Na dann gute Nacht Kameraden.“ Mein zweiter Start misslang ebenfalls. „Jetzt ist die Mühle endlich auch im Arsch, die alte Kutsche.“ Und wieder musste ich warten. Ich ging in den Ort um mich umzuschauen. Dort hielt gerade eine Kolonne der frisch aus Frankreich gekommenen 6. Panzerdivision. Ich musste an Charkow zurückdenken, wo man uns im Frühjahr beim Ausladen beneidet hatte. „Die können ja vor Kraft kaum gehen, alles funkelnagelneu, die Panzer, die Fahrzeuge und auch die Leute. Alles wintermäßig ausgestattet und weiß angestrichen. Das macht ja einen hervorragenden Eindruck.“, dachte ich mir. Parolen begannen herumzuschwirren: „Wir sind schon durch zum Kessel. Der Russe läuft wieder - wie in alten Tagen...“. Ich wollte es gerne glauben, nachdem ich diese so selbstsichere Truppe gesehen hatte. Mein Vertrauen, dass die Krise wieder gemeistert werden könnte wuchs. Die mir unbekannte Wahrheit sah anders aus, hätte mich deprimiert und möglicherweise davon abgehalten, weitere Einflugversuche zu unternehmen. Die 6. Panzerdivision mit ihrer vorzüglichen Ausstattung wähnte ich mit der Heeresgruppe Hoth im Angriff auf den Stalingrader Kessel. Dabei war sie als „Feuerwehr“ abgezogen worden, um den Durchbruch der Russen Richtung Rostow im Raum Tazinskaja abzuriegeln. Am Tschir wurde verzweifelt gekämpft. Die Heeresgruppe des Generalobersten Hoth hatte mit ihren zu schwachen Panzerverbänden versucht, den Einschließungsring um Stalingrad von Süden her aufzubrechen. Bis auf 48 Kilometer kam sie an den Kessel heran. Dann reichten die Kräfte nicht mehr aus. Die letzte Gelegenheit für die 6. Armee zum Ausbruch war also bereits vertan, ihr Untergang schon Gewissheit. Hoths Panzer wurden an der gefährdeten Südwestfront dringender gebraucht. Stalingrad war also schon vor Weihnachten aufgegeben. Meine damalige Zuversicht mag blauäugig erscheinen, war sie vielleicht auch, aber ich bin nun einmal Optimist. Diese Grundeinstellung hat mir eigentlich stets das Leben erleichtert. So ließ sich das Grauen im Kriege, die Furcht vor Verwundung und Tod eher ertragen - auch in den schrecklichen Jahren sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Am frühen Nachmittag der nächste Abflugversuch: diesmal wurde im Verband von drei HE 111 innerhalb der Wolkendecke der Don erreicht. Über dem Strom riss die Wolkendecke aber auf und schon waren russische Jäger da. „Zurück in die Wolken, zurück nach Morosowskaja, Feierabend für heute.“, hieß es. An diesem Tag fand sich aber für mich doch noch eine Fluggelegenheit: ein größerer Verband neuer HE 111, die Verpflegungsbomben unter dem Rumpf hatten waren zum Nachtanken und zur Aufnahme zusätzlicher Versorgungsgüter gelandet. Inzwischen war es dunkel geworden. Der Flug schien diesmal reibungslos zu verlaufen. Ich sah den Don, hier und da ein paar Leuchtkugeln aufsteigen. Der Frontverlauf beider Seiten war anhand der Artillerieabschüsse auszumachen. Dann sank das Flugzeug schnell, Landebefeuerung leuchtete auf und, das ausgefahrene Fahrwerk bekam Bodenberührung. Doch die Maschine stieg wieder, wurde schneller und zog Kurven. Zwischen den Kisten krieche ich zum Piloten vor. „Ich denke wir sind schon da?“ „Besser, dass wir nicht mehr da sind.“ lautete die Antwort. Ein Russe hatte sich zwischen die sinkenden HE 111 gemogelt und Bomben auf die Landebahn geworfen. In einem der im hartgefrorenen Boden aufgerissenen kleinen Krater war unsere HE mit dem linken Rad hineingeraten und der Pilot hatte die Maschine gerade noch wieder hochziehen können. Der Schaden wurde bald lokalisiert: Das Rad war mit dem gesamten Fahrwerk abgerissen. Es hieß zunächst „Bauchlandung“, aber nicht hier im Kessel auf dem Flugplatz Pitomnik, sondern zurück nach Morosowskaja. Wer weiß wie man hier sonst wieder weg käme. Das andere Rad, beziehungsweise die Radaufhängung hatte sich verklemmt. Es ließ sich nicht per Handbetrieb wieder einfahren. „Große Scheiße, mit einem Bein wird das nichts, am besten aussteigen!“ rief der Pilot. Der Absprung mit dem Fallschirm wurde erörtert. Doch davon hielt ich als Passagier gar nichts, zumal es auch gar keinen Fallschirm für mich gab. Ich fing an zu verzweifeln. Sollte ich allein weiterfliegen oder mich besser gleich erschießen? Doch aufs Abspringen waren die Flieger auch nicht so scharf, hatten sie es doch noch nie ausprobiert. Vielleicht käme man auf der vereisten Landebahn auch so herunter. Ich wurde wieder zuversichtlicher. Als das Flugzeug in Morosowskaja aufsetzte, empfand ich das als normale Landung und hielt die getroffenen Vorsichtsmaßnahmen für überzogen: „Bodenwanne räumen, Stahlhelm aufsetzen, mit dem Rücken gegen die Außenwand stemmen!“ Doch dann kippte die Maschine nach links ab. Es krachte und splitterte. Ich fühlte mich benommen, verspürte dann aber einen kalten Luftzug und Rufe von draußen: „Alles munter? Rauskommen!“ Die linke Tragfläche samt Motor war abgerissen, die Bodenwanne zerquetscht und die Vollsichtkanzel zersplittert. Als ich meine Siebensachen, vor allem die Kurierpost beigesucht hatte, kletterte ich ins Freie. Feuerwehr und Krankenwagen waren herangeeilt, aber wir waren alle unverletzt und das Flugzeug war nicht in Brand geraten. Wie erwartet, war die HE auf dem Eis dahingeschlittert und schließlich zerbrochen liegen geblieben. Auf einer weichen Wiese wäre das nicht so gut abgegangen. „Und wieder einmal Schwein gehabt.“, obwohl das Überleben infrage gestanden hatte, dachte ich mir. Eigentlich wunderte ich mich, dass mich die Tagesereignisse nicht stärker erregt hatten. Ich war nur noch müde und schlief am Tisch eines Nebenraumes der Flugleitungsbaracke. Allerdings hatte ich zuvor noch üppig gespeist und reichlich Alkohol zu mir genommen - alles beste Qualität. Die Flieger waren gastfreundlich. „Wenn es bei uns knapp wird, ist es aus mit dem Krieg. Ja, bei unseren guten Verbindungen wären Hunger und Durst wohl das letzte...“ In der Nacht schreckte ich auf. Unruhe, Rufen, Türenschlagen, Motorenlärm: „Morosowskaja wird geräumt! Die Russen kommen!“ Draußen war große Hektik. Alles wurde auf Lastwagen verladen und zusammengerafft. Ich packte einige Edelfressalien nebst französischem Cognac zusammen und erkundige mich nach dem nächsten Stalingradflug. "Stalingrad? - Hören Sie bloß auf mit Ihrem Stalingrad, da fliegt von hier keiner mehr hin. Wir haben jetzt wahrhaftig ganz andere Sorgen. Was wollen Sie denn bloß immer in Stalingrad?“ hieß es. „Und was mache ich jetzt?“ fragte ich kleinlaut. „Entweder auf einen LKW rauf oder ein Flugzeug suchen, aber Flugzeuge sind für Flieger da und da werden Sie kaum Glück haben.“ Ein anderer ruft mir zu: “Wohin? Wohin ist doch jetzt egal. Mal sehen, nur weg von hier, oder wollen Sie für die Russen Begrüßungskommando machen?“ Ich lief unschlüssig herum, kannte ja niemanden und fand noch keinen klaren Gedanken. Da meldete sich ein Pilot auf der Flugleitung ab. „Haben Sie einen Platz für mich?“ fragte ich, ohne eigentlich eine Antwort zu erwarten. „Wenn es Ihnen nicht zu kühl wird, ich fliege eine Klemm und die ist offen.“ Die Klemm war ein kleiner, zweisitziger offener Tiefdecker, ein Sport- und Übungsflugzeug, das hier wohl Kurierzwecken gedient hatte. Mir war alles recht. Mit meinem Fressack kletterte ich in den Sitz vor dem Flugzeugführer und igelte mich ein. Es sollte nach Rostow gehen, denn von da kam er her. Im frühen Tageslicht ging es los. Nur noch zwei HE 111 standen startbereit. Die ersten russischen Granaten schlugen im weiter entfernten Flugplatzgelände ein. Die Klemm flog sehr niedrig über die Steppe, Balkas und Dörfchen hinweg, die im Schnee versunken waren. Die Kälte machte mir kaum zu schaffen. Ich war mit der Winterausrüstung und den Filzstiefeln gut versorgt. Die Pelzmütze mit Ohrenschützern wärmte meinen Kopf den ich hinter dem Windschutz tief eingezogen hatte. Wir landeten in Rostow - Rostow zum zweiten Mal. Und wo geht es nach Stalingrad? Versorgung wurde jetzt über Salsk geflogen. Salsk? Wo ist das? Wie kommt man dahin? Eine unmoderne JU 86, von Diesel- auf Benzinmotor umgebaut, flog Ersatzteile nach Salsk und nahm mich mit. Wo mag Bode abgeblieben sein? Ob er Stalingrad erreicht hatte und ob er schon wieder bei der Batterie war? Lag die Batterie überhaupt noch in ihrer alten Stellung? In Salsk waren JU 52-Transportverbände stationiert. Auf die alte „Tante JU“ schien noch der meiste Verlass zu sein. Man fing an, meine Reisepapiere in Zweifel zu ziehen. Ich kam fast in Verdacht, auf eigene Faust hinter der Front herumzureisen, statt mich zu meinem Haufen oder einer Alarmeinheit zu begeben. Nur die Kurierpost machte meine Ausführungen glaubhafter. Als ich in einer großen Baracke Platz zum Aufwärmen gefunden hatte, erklärte sich ein Pilot bereit, mich nach Pitomnik mitzunehmen. Ein größerer JU 52-Verband sollte bei Dunkelheit den Kesselflugplatz anfliegen. In einer JU, die mit Treibstoffässern beladen war, fand ich hinter der Führerkabine neben dem Bordfunker Platz. Ich kauerte auf meinem Fressack der auch die Kurierpost enthielt, die aber vermutlich jede Aktualität verloren hatte. Unter uns lag der Don. Wieder konnte man die Frontlinie erkennen. Dann erfolgte der Landeanflug auf dem Flugplatz Pitomnik. Der Funker wurde nervös und wies auf ein kleines Loch am Rumpf der Maschine: „Zwei-Zentimeter-Flak, eigene, Scheiße - große Scheiße!“, rief er dem Piloten zu. „Noch einen durch die Benzinfässer, dann aber Mahlzeit!“ antwortete der. „Was soll das?“ fragte ich und erwartete keine Antwort. Dann war die Maschine am Boden ausgerollt. Wieder hatte sich ein Russe dazwischen gemogelt und Bomben auf die Landebahn abgeworfen. Unsere Flak feuerte dazwischen. Aber schließlich war alles gut gegangen. Ich war "glücklich gelandet" - im Kessel von Stalingrad! Das Flugzeug rollte an den Rand des Flugplatzes. Die Ladeluke wurde geöffnet und die Besatzung warf die Benzinfässer selbst aus der Maschine. Ich kletterte über die Tragfläche heraus, verabschiedete mich und sah mich um. Da kamen zerlumpte, schlecht versorgte Verwundete über das Rollfeld auf uns zu. Sie wollten in das Flugzeug um ausgeflogen zu werden. Die Flieger hatten die Luke aber bereits wieder geschlossen und ließen die drei Motoren an. Schreierei, Kommandos, laute Worte: „Wir lassen uns hier doch nicht zur Sau machen!“, war das letzte, was ich von den Fliegern hörte. Die Motoren heulten auf und das Flugzeug rollte an. Es startete wohl auf eigene Faust, ohne eine Einweisung oder Kontakt mit der Flugleitung gehabt zu haben. Die Maschine verschwand in der Dunkelheit und die schreienden Verwundeten, die zum Teil versucht hatten sich an das Flugzeug zu klammern, verschwanden wieder. Nur einige krochen auf allen Vieren im Schnee, fluchten und winselten. Sie waren schmutzig, verwahrlost, stoppelbärtig, abgemagert, mit blutigen Verbänden wie Zigeuner vermummt und undiszipliniert. Weit und breit waren keine Ordnungskräfte oder Sanitäter zu erblicken. Solch ein Chaos hatte ich bei unserer Wehrmacht noch nie erlebt. So mußte Napoleons vernichtete Armee an der Beresina ausgesehen haben. Grauen mischte sich bei mir mit Mitleid. Ich fühlte mich verlassen und dachte: „Wärst du besser draußen geblieben, statt unbedingt hier her zu wollen. Wäre ich bloß zum Ersatztruppenteil nach Göttingen gegangen, dort hätte ich in Ruhe abwarten können.“ So irrte ich herum und fand schließlich den mit einer Zeltbahn verhängten Zugang zu einem niedrigen Erdbunker. Flak-Feuer blitzte auf und Bomben detonierten. Ich kroch in diesen Bunker und ein fast unerträglicher Mief nach Mensch und Essensresten füllte den Raum. Feindseligkeit schlug mir entgegen. „Woher? Wohin?“ Man lachte mich aus, als ich meine Reiseabenteuer schilderte. „Da waren Sie aber ganz schön bekloppt, Herr Oberleutnant. Jetzt sitzen Sie mit uns jedenfalls ganz schön in der Scheiße - bis an die Ohren in der Scheiße. Rückfahrkarten gibt es nur noch auf Krankenschein - Kopf ab, Bein ab oder so was und auch dann muss man erst noch einen Flieger finden, in den man hinein kommt!“, meinte ein älterer Stabsgefreiter. Er sagte das keinesfalls aufsässig, sondern eher bemitleidend. Meine Urlaubsreise schien ein apokalyptisches Ende zu nehmen. So schön sie begonnen hatte, so dramatisch fand sie in diesem Chaos nun ihr Ende. In Pitomnik herrschte jedenfalls ein undiszipliniertes Durcheinander. Es fehlten klare Weisungen. Überall geisterten vegetierende, verwahrloste, in ihrem Elend im Stich gelassene Verwundete herum. „Und unsere Panzer, sind die durch?“ Es war die Nacht auf den 29. Dezember 1942. die Panzer waren bereits Tage vorher stecken geblieben. Der Angriff von Süden, der den Kessel aufbrechen sollte, war zu schwach angesetzt gewesen. Auch hier hatten die eigenen Kräfte nicht für das gesteckte Ziel ausgereicht. Dennoch rechneten die desillusionierten Erdbunkerleute nicht mit dem Zusammenbruch der Armee. Draußen fielen immer wieder Bomben. Mir drängte sich wieder die Frage auf, ob es klug von mir gewesen war, nach Stalingrad zurückzukehren. Ich versuchte die trüben Gedanken zu verdrängen. Mein Vertrauen in deutsche Führungskunst war noch nicht erschüttert. Übermüdet schlief ich bald ein.

 

Das Ende in der „Badehausfestung“

 

Als ich am nächsten Morgen erwachte, strahlte die Sonne von einem wolkenlosen Himmel über die Steppe. Der Schnee blendete. Aus dem dunklen Bunker herauskommend, konnte ich die Augen kaum öffnen. Der Spuk der Nacht war vorbei. Deutsche Jäger waren in der Luft und kein Russe weit und breit zu sehen. Ich verabschiedete mich von meinen Gastgebern und fand bald zur Flugleitung. Dort lief geordneter Betrieb. Mit Rücksicht auf meine Kurierpost wurde ein PKW herbeordert, der mich zum Gefechtsstand der 6. Armee bei Gumrak brachte. Das war eine in Erdhänge eingebaute Blockhaussiedlung. Es herrschte reger Bürobetrieb, allgemeine Geschäftigkeit - Hackenknallen mit zackigem Grüßen. Die Post wurde entgegengenommen. Sie war wohl nicht von sonderlicher Bedeutung. Mir wurde erklärt zu warten. Aus verschiedenen Telefongesprächen, die ich teilweise mithörte, war zu entnehmen, dass es um die Aufstellung von Alarmeinheiten ginge, die aus dem Boden gestampft werden sollten. Man hielt auch nach Offizieren Ausschau, die als Führer eingeteilt werden konnten. Das war nicht der Sinn meiner Reise gewesen, denn das hätte ich in Charkow unter besseren Voraussetzungen auch haben können. Ich machte mich unauffällig aus dem Staub. Im überheizten Bunker herrschte stickige Luft. Draußen lag Schnee und es waren 20 Grad unter Null. Auf einer Fahrspur im Schnee wanderte ich mit meinem Sack auf der Schulter in Richtung Fliegerschule. Die Gegend war mir nicht unbekannt, wenn sie auch im Schnee etwas befremdlich wirkte.

 

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Am Stadtrand Stalingrads.

 

Ein vorbeifahrender LKW nahm mich mit. In der Nähe des Badehauses konnte ich abspringen. Ich war auf ziemlich demselben Weg zurückgekommen, den ich am 14. September bei meinem ersten Gang in die Stadt genommen hatte. Die Feuerstellung meiner 2. Batterie war unverändert an der alten Stelle verblieben. Als ich im Badehauskeller auftauchte gab es natürlich ein großes Hallo. Bode war schon vor Tagen eingetroffen. Er hatte es mit dem ersten Flug geschafft und erklärt, Wenn der „Alte“ nicht kommt, dann kommt er überhaupt nicht mehr. Dann ist er futsch, dann hat es ihn erwischt. Wir waren ja zur gleichen Zeit abgeflogen. Bode war etliche Jahre älter als ich mit meinen 22 Jahren und ich war doch bei den Männern schon der „Alte“.

 

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Platz in der Nähe unserer Feuerstellung.

 

Der Inhalt der Seesäcke, den Bode mitgebracht hatte, war längst verteilt und verspeist worden. Es war einigermaßen gerecht bei der Verteilung zugegangen, aber man hatte auch gleich meine privaten Sachen, die ich während meines Urlaubs bei der Batterie belassen hatte, mit verteilt. Das war nun etwas peinlich. Als „Widerauferstandener“ erhielt ich aber alles über meinen Burschen zurück. Ich brachte Verständnis dafür auf. Im Krieg denkt und lebt man praktisch. Jedenfalls war ich irgendwie froh, wieder in „vertrauten Umgebung“ zu sein.

 

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Ausgebrannte Holzhäuser.

 

Ich begab mich dann bald zur B-Stelle und nahm den Fressack mit, weil die B-Stelle von den Bode-Säcken nichts abbekommen hatte. Das wurde folgendermaßen begründet: Die B-Stelle beanspruchte während meiner Abwesenheit Sonderverpflegung, weil sie angeblich gefährlicher lebe. In der Protzenstellung esse man ohnehin reichlicher, denkt sowieso erst einmal an sich, ehe etwas vor gebracht wird. Ich hielt diese Erläuterung zunächst für übertrieben gefärbt und äußerte mich nicht, denn ich wollte erst mal hören, was die anderen sagten. Tatsächlich hatte mein Vertreter, ein Leutnant einer anderen Batterie, für die B-Stelle und damit auch für sich reichlichere Zuteilungen angeordnet. Bei normalem Einsatz wurden die Leute der B-Stellen mehr als die Feuerstellungen oder gar der Tross gefordert. Hier in Stalingrad lebte aber meine B-Stelle am angenehmsten. Wenn man Unzufriedenheit vermeiden wollte, durfte man bei der ohnehin viel zu knappen Versorgungslage keine Unterschiede machen. Obwohl ich vom Urlaub gut herausgefuttert war, litt auch ich schon am ersten Kesseltag unter den Hungerrationen. Die Batterie schmachtete schon über einen Monat. Meinen Fressack hielt ich zurück, denn ich wollte in aller Ruhe über seine Verwendung entscheiden. Als erstes befahl ich absolute Gleichbehandlung aller Batterieangehörigen. Sogleich hatte ich mich bei meinem Abteilungskommandeur zurück gemeldet und auch dem Regimentskommandeur meine Verlobung angezeigt. So freudig auch mein Wiederauftauchen begrüßt wurde, so verwundert gab sich der Regimentskommandeur, weil ich nicht um Heiratserlaubnis ersucht hatte. Ich musste bei ihm antreten. „Also doch.“, dachte ich und war verlegen. Ich entschuldigte mich mit dem Hinweis, dass ich nie zu diesem Thema belehrt worden bin und auch vor Urlaubsantritt noch nicht wusste, dass es zu einer Verlobung kommen würde. Es handele sich um einen spontanen Entschluss bei passend erscheinender Gelegenheit. Oberst von Stumpff, er war inzwischen befördert worden, wurde freundlicher und ließ sich von mir erzählen. Ich berichtete dabei auch über die Familienverhältnisse meiner Braut und versprach unverzüglich um Heiratserlaubnis zu ersuchen, wenn es denn soweit wäre. Damit bezweckte ich, das Versäumnis wieder gut zu machen. Mein Kommandeur meinte aber: „Nun ist es einmal geschehen und wer weiß, ob sie überhaupt noch eine Heiratserlaubnis benötigen. So, wie sich die Dinge hier entwickeln, ist es recht fraglich, ob Sie Ihre Braut wiedersehen werden. Meinen herzlichen Glückwunsch haben Sie hiermit.“ Es folgte ein tiefer Schluck aus der Flasche und ich musste Bilder von Ruth herumzeigen. Sie wurde begutachtet. „Einen guten Geschmack hat der Mann ja, das muss ihm der Neid lassen…“ Ich fühlte mich erleichtert. Doch es bedrückte mich, dass der alte Haudegen von Regimentskommandeur entgegen seiner ganzen Art einen so pessimistischen Eindruck machte. Ein knapper Anschiss wäre mir fast lieber gewesen. In der Protzenstellung herrschten unbefriedigende Zustände. Der Spieß hatte sich und seine engsten Kumpane zu reichlich selbst versorgt. Das gab schon viel böses Blut. Ich hatte den Spieß von Anfang an nicht geschätzt und unterhielt mich mit meinem Abteilungskommandeur. Das war jetzt ein älterer, akademisch gebildeter Reservist. Wir beschlossen einen Personalaustausch. Ich bekam für meinen Spieß einen Oberfunkmeister der Stabsbatterie, der mit dem Adjutanten aneinander geraten war. Mit diesem Mann machte ich einen guten Fang. Der aufrecht-mutige neue Spieß war bereits mit dem EK I ausgezeichnet und hielt die Batterie in der noch auf uns zukommenden schwersten Zeit gut zusammen. Alle paar Tage ließ er sich auf der B-Stelle sehen, ging auch zu den beiden vorgezogenen 7,62 cm-Kanonen an der Wolga und besuchte gelegentlich sogar den vorgeschobenen Beobachter in seiner Treppenhausruine. Das gehörte eigentlich nicht zu seinen Aufgaben. Als ich ihn daraufhin ansprach, meinte er: „Das mag zwar wenig Sinn haben, aber es ist gut, wenn der Spieß sich auch mal vorne sehen lässt. Dann wissen die, dass ich den Schwanz nicht so schnell einziehe.“ An der Wolga-Front der Division blieb die Lage ruhig. Vielleicht waren die Umstände im Kessel doch besser als mancher dachte, wenn nur die Verpflegung reichlicher gewesen wäre. Bis auf ein paar Gelbsuchtfälle, die auf dem Luftweg den Kessel verließen, hatte die Batterie während meiner Abwesenheit keine Ausfälle zu beklagen. Dass es der Batterie so gut ging, hatte sie der Tatsache zu verdanken, dass sie weit in den Osten der Stadt vorgezogen, in sicheren Stellungen lag. Der größte Teil der Pferde und Fahrer befand sich gar nicht im Kessel und war weit westlich des Don in Pferdeerholungsräumen, weil man sich auf einen Stellungskrieg eingerichtet hatte. Im vorherigen Winter gab es schlechte Erfahrungen mit den Pferden. Diesmal wurden sie zur Versorgung anständig auf Kolchosen untergebracht.

Am westlichen Stadtrand in der Balka gab es nur noch einen kleinen Troß mit Spieß, Feldküche und Rechnungsführer. Die wenigen Pferde waren da um Munition oder Geschütze fahren zu können.

Obwohl ich so gut genährt aus dem Urlaub gekommen war, litt nun auch ich wie alle anderen, unter dem täglich quälenden Hunger. Meinen Freßsack hatte ich für eine improvisierte Sylvesterfeier freigegeben und auf die ganze Batterie aufteilen lassen. Das war eine Geste die gut ankam, obwohl der einzelne nicht viel davon hatte. Wer irgendwie abkömmlich war kam in den großen freundlichen Keller der B-Stelle und feierte ein wenig mit. Kaffee und Alkohol waren noch ausreichend vorhanden. Wir hofften auf ein besseres Jahr 1943.

 

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Der Eingang zu einem Erdbunker unserer Batterie.

 

Wegen des Zeitunterschiedes sandten die Russen punkt 23.00 Uhr deutscher Zeit ein heftiges „Feuerwerk“ anlässlich der Jahreswende herüber. Vorsorglich schickte ich die Kanoniere in die Feuerstellung zurück. Es hätte ja mehr dahinter stecken können. Wegen unseres Munitionsmangels antworteten wir nicht, doch der Abend war uns verdorben. Am 1. Januar gab der Abteilungskommandeur mit Schnaps einen Empfang für seine Offiziere. Andere Dinge waren zur kleinen Feierlichkeit nicht mehr vorhanden. Ich war der einzige von unserer Batterie. Der Leutnant hatte inzwischen andere Aufgaben erhalten. Es wurde ein fürchterliches Besäufnis. Am Ende war auch ich voll wie eine „Strandhaubitze.“ An und für sich war ich einer, der relativ viel Alkohol vertrug ohne Auswüchse erkennen zu lassen. Dem Adjutanten nahm ich allerdings übel, dass er mich gegen Morgen von meinen Leuten mit dem Handschlitten abholen ließ. Die hatten mich bisher noch nie in solch einem Zustand erlebt. Mein anfänglicher Zorn schlug aber bald in Trauer um, denn am nächsten Abend schlug eine Bombe in das Treppenhaus der Schnapsfabrik ein. Im Keller befand sich der Abteilungsstab. Der katholische Divisionsgeistliche war dort zu Besuch geladen. Man war gerade dabei ihn wieder zu verabschieden, als das Schicksal über ihn, dem Kommandeur und dem Adjutanten hereinbrach. Alle drei kamen zu Tode. Bereits am nächsten Tag übernahm ein junger Hauptmann von der motorisierten Artillerie einer fremden Division die Abteilung. Als ich nach einer ersten Besprechung mit ihm zu meiner B-Stelle zurück ging, erwischte mich ein Granatsplitter am Arm. Halb hoffte ich schon auf einen Heimatschuss, doch es war nur ein Kratzer. Einen Arzt brauchte ich dafür nicht aufsuchen.

 

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Die Feuerstellung der 2.Batterie.

 

Der neue Hauptmann war ein netter, unbefangener und liebenswürdiger Kerl, aber vielleicht in seiner Art auch etwas naiv. Als er mich bald einmal in meiner eleganten B-Stelle besuchte, klagte er über Hunger und bat mich ungeniert um ein kleines Frühstück zum Wodka, den ich ihm angeboten hatte. Ich war verblüfft: Was in normalen Zeiten selbstverständlich war, konnte im hungernden Kessel doch nicht mehr gelten. Aus meiner Schlafecke brachte ich ihm ein Stück Wurst und eine Scheibe Brot und ließ meinen Burschen anrichten. Viel war es ja nicht. Der Hauptmann aß schnell, mit gutem Appetit und fragte beim nächsten Prosit, warum ich denn nicht mithalte. „Wenn Sie meine Tagesration essen, kann ich sie nicht essen.“, war meine undiplomatische Antwort. Es gab keine Gästeportionen mehr bei der 2. Batterie. Auch aus diplomatischen Gründen hätte ich nicht mit frühstücken können. Meine Leute hielten die Ohren gespitzt. Unser neuer Kommandeur war nicht ungeschickt. Er ließ sich nichts anmerken und aß zu Ende. Wir redeten noch über dieses und jenes und schließlich verabschiedete er sich freundlich. Mit dem abendlichen Melder ließ er mir ein Verpflegungspäckchen zukommen, das in etwa seinem Verzehr am Morgen entsprach. Seitdem frühstückte er auch nicht mehr bei den anderen Batterien, die ihn zuvor gastfreundlicher aufgenommen hatten. Mein Verhältnis zu ihm hatte unter dieser Frühstücksgeschichte nicht gelitten. Er war ein feiner Kerl, der sich wohl nichts dabei gedacht hatte. Die Feldpost funktionierte noch. Ich schrieb viel und häufig und erhielt auch noch einige Briefe aus der Heimat. Plötzlich kam Bewegung in die Batterie. Es war noch einmal von Ausbruch die Rede. Zur Zeit der ersten Ausbruchpläne gleich zu Beginn der Einkesselung, war ich ja sogar noch im Urlaub gewesen. Da mochte es noch gute Aussichten auf ein Gelingen gegeben haben, aber nun waren wir müde, hungrig, abgekämpft, ohne Treibstoff und Munition. Dennoch gab es allgemeinen Auftrieb. Drei Skoda- und zwei Tatra Dreiachser Lkws kamen in meine Batterie. Diese Fahrzeuge waren für unsere Geschütze, die Munition, die Küche und das notwendigste Nachrichtengerät bestimmt. Wir erhielten sogar ein paar Granaten an Nachschub, so dass jetzt zirka 40 Schuss pro Geschütz verfügbar wurden. Weitere Munitionsversorgung erwarteten wir nicht mehr. 160 Schuss, das war besser als nichts und doch war damit Stalingrad nicht mehr zu erobern. Folgende Faustregel gab es: bei sicheren Schießgrundlagen seien 120 Schuss erforderlich eine feindliche Batterie niederzuhalten, das Doppelte um sie niederzukämpfen und ihr Material zu zerstören. Rechtfertigten die paar Granaten noch die Aufrechterhaltung unserer 2. Batterie? Die 1. hatte man schon zum Infanterie-Einsatz herangezogen und an der Wolgafront eingesetzt. Die Infanterie von dort wurde abgezogen und in der Steppe einsetzt. Das Löcherstopfen hatte schon seit einiger Zeit begonnen, doch das Vermischen unterschiedlichster Waffenverbände schwächte unseren Widerstand mehr als es ihn zu kräftigen vermochte. Wenn es heikel wird, braucht man den vertrauten Nachbarn, auf den man sich verlassen kann. Die angestrengten Vorbereitungen zum Ausbruch ließen neue Hoffnungen aufkeimen. Unser Korps-Kommandeur General von Seidlitz galt als Seele des Ausbruchgedankens, während Paulus zauderte. Manche meinten sogar, Paulus befände sich gar nicht mehr im Kessel. Zu sehen war er jedenfalls nicht. Für den Fall eines Ausbruchs, rechnete jeder mit hohen Verlusten. Das war aber immer noch besser, als elend in diesem Kessel zu verrecken. Ein Ausbruch würde noch einmal ungeahnte Kräfte freisetzen und ohne jede Rücksicht vorangetrieben werden. Theoretisch müsste er gelingen. Doch ehe es los ging, wurde unsere Division nach allen entbehrlich erscheinenden Leuten durchkämmt, um sie an der westlichen Kesselfront in der Steppe, wo der Russe immer wieder Einbrüche erzielte, als Lückenfüller einzusetzen. Unsere 71. Division bot sich für den „Heldenklau“ an, denn sie lag an der Wolgafront in ruhiger sicherer Stellung und wies noch keinerlei Auflösungserscheinungen auf. Sogar verpflegungsmäßig ging es uns etwas besser als den anderen. Wir hatten Anteil am von uns eroberten Getreidesilo und konnten als bespannter Haufen gelegentlich ein Pferd schlachten, das sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Alle Abiturienten wurden als potentielle Reserveoffiziersanwärter herausgezogen, aber deswegen nicht etwa ausgeflogen. Der Sinn dieses Vorhabens blieb fraglich. Führungsqualitäten wurden nicht geprüft. Die, die unersetzbare Funktionen ausübten, blieben bei ihrem angestammten Haufen. Schließlich verschwanden die Abiturienten im Durcheinander. Was sollte das alles, zum Ausbruch benötigten wir jeden einsatzfähigen Mann? Die improvisierten Alarmeinheiten mussten mit LKWs in die Steppe zum Einsatz gefahren werden. Marschieren war für die ausgemergelten Leute zu strapaziös und hätte zu lange gedauert. So verschwanden auch meine LKWs und kamen nie wieder zurück, wohl aber die überlebenden abgestellten Leute. Sie waren verstört und halb erfroren. Obwohl man die infanteristisch unerfahrenen Männer weder ausgebildet noch vernünftig eingewiesen hatte, fuhr man sie in die Steppe. Schon hierbei war der erste LKW Opfer eines russischen Schlachtfliegers geworden. Den nächsten holte sich ein Panzer. Eine gedachte Linie im Schnee war die Front. Sie wurde zur HKL (Hauptkampflinie) erklärt, auf die sich die weiter vorn eingesetzte Infanterie kämpfend langsam zurückziehen sollte. Die meisten Soldaten verfügten über keine Winterbekleidung. Sie trugen ihre dünnen Mäntel und Lederstiefel, in denen erbarmungslos die Gliedmaßen erfroren. Es wurden Deckungslöcher in den Schnee gegraben, wo es ging wurden Iglus zum Aufwärmen gebaut. Von ausgebauten Stellungen mit sicheren Unterständen konnte keine Rede sein. Hilflose, meist unerfahrene Vorgesetzte, waren improvisiert zugeteilt worden. Man kannte einander nicht, hatte keine zwischenmenschlichen Beziehungen und keine Zuversicht mehr. Als sich die im unmittelbaren Einsatz befindlichen Infanterie-Verbände vor den nur mit Panzerunterstützung angreifenden Russen kämpfend zurückzogen, fanden sie in der neuen befohlenen HKL keinerlei Vorkehrungen, die ein Halten ermöglicht hätten. Sobald die vorstürmenden Rotarmisten ernsteren Widerstand verspürten, fuhren ihre T 34 heran und schossen die unzureichend gesicherten Widerstandsnester zusammen. Wer liegen blieb wurde mit den Panzerketten zermalmt. Zerfetzte menschliche Leiber färbten so den Schnee der russischen Steppe stellenweise blutrot. Aber auch wenn der Russe nicht angriff, lösten sich unsere Linien wie von selbst auf. Die Männer waren hungrig, ungeschützt und ohne Munition der klirrenden Kälte und den übermächtigen Russen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Die Moral war am Ende. Mir liegen einige Meldungen unseres Infanterie-Regiments 211 vor, die sich allerdings auf den September 1942 beziehen, als sich die 71. Infanterie-Division noch im Angriff auf Stalingrad befand: Der Stab des 2. Bataillons besaß zu diesem Zeitpunkt noch 2 Offiziere, 4 Unteroffiziere und 13 Soldaten. Die 5. Kompanie besaß nur noch einen Unteroffizier mit 9 Soldaten, die 6. Kompanie 1 Offizier, 2 Unteroffiziere und 10 Soldaten. Die 7. Kompanie hatte 4 Unteroffiziere und 10 Soldaten, die 8. Kompanie 5 Unteroffiziere und 35 Soldaten. Im Januar 1943 sah es so dramatisch aus, dass ein Zählen nicht mehr lohnte. Grund dieser Auflösung und Verluste der neu zusammen gewürfelten Haufen war auch die Tatsache, dass die Verbände derart durcheinander geraten waren, dass sich ihre Befehls- und Versorgungswege verwirrten. Den rechten oder linken Nachbarn kannte man nicht, einige Soldaten verschwanden in der Dunkelheit und kehrten zu ihren Stammeinheiten zurück. Auch mancher bewährte Infanterist gab auf und verschwand im Untergrund der zerstörten Stadt. Soldaten, welche die Front verlassen hatten, fielen in diesem Chaos nicht einmal auf. Überall strömten versprengte Soldaten von zerschlagenen Einheiten und fliehende Trosse in kleineren oder größeren Gruppen führerlos nach Stalingrad herein. Sie suchten Schutz in den Ruinenkellern der Stadt. Hier lagen bereits schon Hunderte von Kranken und Verwundeten. Die Feldgendarmerie hatte keine Chance aus diesem Wirrwarr noch kampffähige herauszufiltern und erneut zum Einsatz zu bringen. Nur zur Nahrungssuche kamen die sogenannten „Ratten“ noch aus ihren Löchern. Wir Einheitsführer von noch intakten Verbänden wurden veranlasst, immer wieder Leute zum Infanterie-Einsatz abzustellen. Weigern konnten wir uns nicht. Was tat man also, man entsandte nicht die tüchtigsten, sondern schwache Leute oder Querulanten, die es ja überall gab. Sie taten mir immer wieder leid. Aber ich war andererseits verpflichtet, die Batterie so lange wie möglich kampffähig zu halten. Ein erfolgreicher Ausbruch war nicht mehr möglich. Der Ring um den Kessel wurde enger. Unaufhörlich stießen die Russen mit ihren frischen Divisionen auf die Stadt zu. Gedanken schossen manchen durch den Kopf: ein rascher Tod durch Feindeshand oder selbst ein Ende bereiten. Alles andere lief offensichtlich auf ein elendes Verrecken hinaus. Und immer wieder wurde aufs neue durch- und ausgekämmt, mussten Männer abgestellt werden. Ich sah zu, dass nicht immer dieselben Leute mehrfach auf Himmelfahrtskommando gingen. Es gab sogar ein paar „Urviecher“, die sich freiwillig meldeten, um dem hungrigen Alltag in der Batterie zu entkommen. Das waren rechte Landsknechte - nicht tot zu kriegen. Mit denen konnte man Pferde stehlen und die kamen fast immer durch. Diese Typen verstanden es sogar noch aus der Katastrophe ihre kleinen Vorteile zu ziehen. Bei Räumungsaktionen erbeuteten sie in der allgemeinen Auflösung noch so manches Ess- und Trinkbare. Auch aus zerstörten Fahrzeugen am Wegesrand war noch so manches zu holen. Im Gegensatz zu den „Ratten“, kehrten sie immer wieder zu ihrer Einheit zurück, der sie sich kameradschaftlich verbunden fühlten. Ihre „Beute“ teilten sie. Im eigenen Verband waren diese Kämpfer routiniert, mit großen Erfahrungen, denen sie ihre überdurchschnittliche Lebenserwartung verdankten. Diese ewigen Obergefreiten, die es gar nicht weiter bringen wollten, kamen immer zurecht. Verglichen mit anderen Divisionen, welche sich teils schon in Auflösung befanden, herrschte bei unserer 71. nach meiner Beobachtung noch relative Ordnung. Das lag auch an den klaren Verhältnissen am Wolga-Ufer. Die unerfahrenen Leute von uns gingen meist zum problemlosen Einsatz an die Wolga, wo selten noch etwas passierte. Kampferprobte Soldaten und Offiziere wurden zusammengefasst und gegen die von Westen vorströmenden Russen eingesetzt. Unser Divisionskommandeur erreichte so, dass die Division zusammenblieb und nicht weiter zersplittert wurde. Das förderte die Kampfmoral und verhinderte unnötige Verluste, die bei den rasch wieder auseinanderlaufenden Alarmeinheiten häufig auftraten. Nachschub in irgendeiner Form gab es nicht und auch von außen war keine Hilfe mehr zu erwarten. Der Ausbruchsgedanke war gestorben. Wir Kesselverteidiger waren inzwischen zu sehr geschwächt. Resignation machte sich nun auch in meiner Batterie breit. Die letzten Granaten wurden für den Endkampf reserviert, obwohl wir keine rechte Vorstellung hatten, wie er aussehen sollte. Paulus war vor einiger Zeit von Gumrak in unseren Divisionsbereich übergesiedelt. Sein neues Domizil war der sichere Keller des Kaufhauses im Stadtzentrum. Da meine Protzenstellung langsam in den Gefahrenbereich geriet, löste ich sie auf. Die Feldküche und die vier oder fünf Pferde, welche halbverhungert herumstanden verbrachten wir ins Erdgeschoß des Badehauses. Der Spieß und die Verwaltung kamen zu mir in die geräumige B-Stelle. Den besonnenen Stabsgefreiten Eickmann, der lange Zeit Richtkanonier gewesen war, machte ich zum „Chef“ meiner 7,62 cm-Halbbatterie an der Wolga. Die Rechnungsführerei war praktisch zum Erliegen gekommen. Was noch zu tun war, erledigte der Spieß. Für die 7,62er war noch ausreichend Beutemunition vorhanden. Auf der zugefrorenen Wolga ereignete sich nichts. Wir beobachteten feindliche Spähtrupps, doch zum Angriff entschlossen sich die Russen hier nicht. Der Hunger machte sich immer schneidender bemerkbar und wurde bei Untätigkeit noch stärker empfunden. Bei Eickmann ereignete sich ein unschöner Zwischenfall: Unter seinen Leuten befand sich ein übler Rabauke, der wegen Kameradendiebstahls und anderer Delikte schon mehrfach kriegsgerichtlich bestraft wurde, ja sogar schon eine Feld-Strafabteilung durchlaufen hatte. Sein einziger Bonus war seine Einsatzbereitschaft. Vor Hunger musste er wohl schon halb wahnsinnig gewesen sein, als er zwei Rumänen überfiel, die mit einem Handschlitten Verpflegung zu ihren Leuten brachten. Dieser "Kamerad" musste die Sache sorgfältig ausbaldowert haben. Eine Spontanhandlung war es nicht. Mit russischer Wattejacke und Pelzmütze verkleidet versteckte er sich in Haustrümmern. Als die Leute mit ihrem Schlitten vorbeikamen sprang er hervor und schlug die beiden Rumänen mit dem Gewehrkolben nieder, um dann mit dem Schlitten zu verschwinden. Er hatte sich aber verrechnet: In einigem Abstand folgte nämlich eine Gruppe Rumänen, die er nicht einkalkuliert hatte und die ihn sofort überwältigten. Sie lieferten ihn bei ihrem Regimentsstab ab. Ein Wunder, dass sie ihn nicht gleich erschlagen haben. Ich erfuhr von dem Vorfall durch meinen Regimentskommandeur: „Lassen Sie den Kerl beim Regimentsstab der Rumänen abholen. Schreiben Sie den fälligen Tatbericht für das Kriegsgericht und sperren sie den Mann sicher ein, bis ich ihn durch die Feldgendarmerie abholen lasse. Es muss ein Exempel statuiert werden. Der Kerl ist schon so gut wie tot, da ist das Urteil nur noch Formsache. Wenn er ausreißt, mache ich Sie haftbar.“ Jeder sah den Vorfall in diesem Licht. Der Dieb hatte auch keine Hoffnung mehr, heil aus diesem Schlamassel herauszukommen, als er mir vorgeführt wurde. Die Rumänen hatten ihn nicht einmal sonderlich verprügelt. Kleinlaut meinte er jetzt: „Es wäre wohl besser gewesen, die hätten mich gleich ganz totgeschlagen. Jetzt bin ich so oder so erledigt.“ Eine ausbruchsichere Räumlichkeit war schwer zu finden. Schließlich bot sich der fensterlose Kohlenkeller mit einer festen Eisentür an. Ich setzte mich hin und erstellte einen Tatbericht, in dem ich seine Strafen und Disziplinlosigkeiten nicht verschwieg und obendrein auch auf seine zivilen Vorstrafen hinwies. Ursache für seine Delikte waren durchweg Hunger und Mittellosigkeit. „Penner“ könnte man ihn fast nennen, doch dafür war er eigentlich noch zu jung. Er klaute Feldpostpäckchen und raubte einmal den Verpflegungswagen aus. Aus seiner Zeit beim Strafbataillon wusste er schaurige Dinge zu berichten. Doch besserungsfähig erschien er bei seiner Zügellosigkeit nicht. Die Batterie bemühte sich verschiedentlich ihn loszuwerden. Mein Vorgänger hatte bei seinem letzten Abschiebeversuch vom damaligen Kommandeur zur Antwort bekommen: „So etwas kann man doch keinem anderen zumuten, seht selber zu wie ihr klar kommt.“ Ich hatte bis jetzt mit dem Mann noch keinen Ärger gehabt und schrieb nun unter Angabe der Quellen meinen Bericht. Zum Schluss wies ich aber auch auf die positiven Eigenschaften des Querulanten hin. Dieser Soldat war im Einsatz zuverlässig und besaß einen tollkühnen Mut. Er gehörte zu den Freiwilligen bei den infanteristischen Steppeneinsätzen. Schließlich übergab ich meinen Bericht den „Kettenhunden“, den Feldgendarmen, die den Gefangenen abholten. „Damit schneiden Sie das Schwein doch vom Galgen ab“, reagierte mein Regimentskommandeur. „Musste das sein, mit dem Mut und so?“ „Musste ich denn nicht auch das Positive erwähnen, sollte ich das verschweigen?“ Ich erhielt keine Antwort. Inzwischen war der Täter der Division überstellt worden. Nach wenigen Tagen brachte ihn ein Feldgendarm zurück. Da war er schon wieder obenauf: „Ich soll mich bei Ihnen bedanken Herr Oberleutnant, hat der Richter gesagt. Todesurteil ja, aber Vollstreckung ausgesetzt zur Frontbewährung. Ich hole mir meine Klamotten und werde dann gleich zur Infanterie gebracht, wo ich mich bewähren soll. Vielen Dank noch mal, das war diesmal verdammt knapp.“ Meine Ermahnung, die ich ihm mit auf den Weg gab, schien er gar nicht wahrzunehmen. Fröhlich packte er seine Sachen und verschwand mit den Feldgendarmen aus unserer Stellung. Einige Tage später erfuhren wir, dass er während eines Stoßtruppunternehmens in ein von Russen besetztes Gebäude zu Tode kam. Angeblich war er als erster in das Haus eingedrungen. Als es wenig später auch in unserem Divisionsabschnitt zu Ende ging, tat sich Eickmann mit einer seiner 7,62 cm-Kanonen noch einmal hervor. Er hatte auf einen Russenpanzer gefeuert und musste dann in einem Kellerloch in Deckung gehen. Der T 34 war noch nicht kampfunfähig und überrollte einen Lafettenholm, den er dabei abknickte. Als der Panzer vorbei war, sprangen Eickmann und seine Leute wieder an ihr beschädigtes Geschütz, rissen es herum und feuerten auf das verwundbare Heck dieses Riesen. Er ging sofort in Flammen auf. Diese besonnene Selbstverständlichkeit des ganz auf sich allein gestellten Rechnungsführers imponierte nicht nur mir, sie sprach sich auch wie ein Lauffeuer im Regiment herum. Eickmann war es nicht beschieden, wieder nach Hause zurückzukehren, denn den Krieg hat er nicht überlebt. Der Flugplatz Pitomnik ging am 14. Januar 1943 verloren. Das beendete den immer unzureichenden Nachschub fast vollends. Es gab nun auch keinen Begleitschutz durch unsere Jagdflieger mehr. Russische Flugzeuge beherrschten den Luftraum über Stalingrad. Mit Versorgungsbomben wurde etwas Munition, Verpflegung und Verbandsmaterial aus der Luft abgeworfen. Natürlich reichten diese Abwürfe in keiner Weise, um die Armee wenigstens mit einem Minimum an Gütern am Leben zu erhalten. Viele Fallschirmladungen verfehlten zudem ihr Ziel und landeten nicht selten beim Russen. Anderes gefundene Material wurde nicht wie befohlen abgeliefert, sondern versickerte bei den Findern. Der Kessel verengte sich jetzt fast täglich. Mit schnellen Beförderungen und Auszeichnungen versuchte die Führung die Stimmung zu heben. Trotz aller Widrigkeiten hatte die Truppe in dieser schweren Stunde ihrer Vernichtung, übermenschliches geleistet. Täglich hörte man aus irgendeiner Ecke des Kessels massives russisches Trommelfeuer. Dann wusste man, dass dort angegriffen und der Kessel wieder ein Stück enger wurde. Das russische Kapitulationsangebot wurde uns durch unzählige abgeworfene Flugblätter bekannt. Erwartungsgemäß lehnte Paulus in seiner Abhängigkeit von Manstein und Hitler ab. Wie er persönlich empfand und dachte, blieb unbekannt. Wir hatten nicht das Gefühl, dass da ein Armeeoberbefehlshaber führte, obwohl energische Führung Not tat. In der Steppe um Stalingrad war bei der entsetzlich bitteren Kälte nichts mehr auszurichten. Die Front dünnte zunehmend aus und wurde ohne Stützpunkte unhaltbar. Vielleicht hätte man sich auch innerhalb der Stadt in die Ruinen verschanzen sollen, um sich so besser vor den Wetterunbilden und dem Gegner schützen zu können. Doch zur organisierten Verteidigung dieser „Zitadelle“ geschah aus meiner Sicht zu wenig. Für die eingeschlossene Armee gab es drei Möglichkeiten:

1. Ausbruch so früh wie möglich,

2. Widerstand mit geballter Härte, solange man den Feind noch schwächen konnte,

3. Kapitulation, sobald der Widerstand aussichtslos wurde.

Von keiner dieser Möglichkeiten hatte Paulus Gebrauch gemacht, obwohl er als Befehlshaber einer Armee gegenüber seinen Soldaten in der Verantwortung stand. Als ich zum letzten Mal bei meiner „Halbbatterie“ an der Wolga war, betrat ich auf dem Weg dorthin den Kaufhauskeller am Roten Platz, in dem im September ein Bataillonsstab unserer Division gelegen hatte. Zufällig traf ich mit Oberst Roske zusammen, der damals sein Infanterie-Regiment so geschickt und erfolgreich führte. Ich hatte mehrmals mit Ihm zu tun und war von seinem jugendlich wirkenden Elan angetan. Wir wechselten einige Belanglosigkeiten. Er meinte, die Luft im „Heldenkeller“ sei nichts für uns. Mir kam die aufgesetzte Geschäftigkeit im Kaufhaus irgendwie irreal vor. Noch immer schwirrten die unsinnigsten Parolen durch die Ruinen der Stadt: Starke deutsche Panzerverbände würden den Kessel von außen aufbrechen. Das sei der Grund für die hektischen Angriffe der Russen und ihr Kapitulationsangebot. Es gelte nur noch wenige Tage durchzuhalten. Wo sollten die Panzer so plötzlich herkommen, die schon im Dezember den Kessel nicht öffnen konnten? Alle schwankten zwischen Hoffen und Bangen. In dieser Zeit ging auch der letzte Flugplatz in Gumrak verloren. Aus der Steppe und von Gumrak fluteten unzählige Trosse der zerschlagenen Divisionen in die Stadt. Plötzlich war sogar Treibstoff da. Unaufhörlich rollten Fahrzeuge in die Stadt. Grau gestrichene Stadtomnibusse, die als Befehlswagen oder Schreibstuben komfortabel eingerichtet waren, erweckten den Eindruck, in Stalingrad solle ein Omnibus-Linienbetrieb eingerichtet werden. Verpflegung, Spirituosen, Treibstoffässer und Munition - offenbar Schwarzbestände - wurden von Lastwagenkolonnen in die Trümmerkeller der Stadt transportiert. Gut genährte Zahlmeister in sauberer Kleidung dirigierten ihre Schätze und verschwanden nur, wenn russische Flugzeuge in den emsigen Güterverkehr hinein hielten. „Was die noch alles haben und was die noch alles mit sich herumschleppen?“, staunten die Landser teils neidisch, teils verbittert, weil es angeblich seit Wochen nichts mehr gab. Die Unterkünfte wurden jetzt knapp in der Stadt. Im großen Keller unter meiner B-Stelle gab es noch immer genügend sichere Unterbringungsmöglichkeiten. Mein Spieß hatte jetzt richtig zu organisieren. Er machte eine Art Hotelbetrieb auf. Wer unterkommen wollte, musste mit Naturalien wie Zigaretten, Schnaps oder Kaffee zahlen, am besten aber mit Lebensmittelkonserven. Sie waren die höchste „Währung“. Mir war diese Methode zunächst unangenehm und ich wollte dieses Geschäft unterbinden, doch ich fügte mich als ich sah, dass unsere neuen „Gäste“ durchweg gut versorgt und zum Teilen bereit waren. „Das haben die Schweine doch alles gehamstert. Haben uns die ganze Zeit nur beschissen und wissen jetzt nicht wohin mit dem Zeug.“, meinte der Spieß. Wenige Tage später kamen auch die abgekämpften Infanteristen, teilweise einzeln oder in kleinen Gruppen vom Westen her in die Stadt. Unter ihnen befanden sich zahlreiche Verwundete und viele mit ernsten Erfrierungen. Es blieb um 20 Grad kalt, oft noch wesentlich kälter. Schlapp, mit hohlen Wangen, dreckig und verlaust schleppten sie sich daher. Einige kamen ohne Waffen, obwohl sie durchaus noch kampffähig wirkten. Die Armee ging sichtlich der Auflösung entgegen. Von Süden her waren die Russen bis zur Zariza vorgedrungen. Trotz des Kapitulationsverbots war es bereits zu Teilkapitulationen gekommen. Vor allem verschreckte Stäbe, aber auch die Reste von Kampfeinheiten ließen sich widerstandslos gefangen nehmen. Vereinzelt wagten Divisionskommandeure für ihren Befehlsbereich die Kapitulation. Sinn hatte unser Widerstand nicht mehr. Jetzt hatte auch Paulus kaum noch Befehlsgewalt. Er blieb in seinem Keller des Kaufhauses abwartend sitzen. Auch ihm war die Aussichtslosigkeit seiner Armee nicht entgangen. An der Zariza wurde die 71. Division mit in diesen Strudel gerissen. Als unser Divisionsgeneral von Hartmann das Ende seiner Division kommen sah, sich die Befehlsstränge verirrten oder ganz zerrissen, Armee und Korps die Lage nicht mehr in der Hand hatten und weiterer Kampf sinnlos geworden war, entschloss er sich zu einem würdigen, vielleicht auch bühnengerechten Abgang: Südlich der Zariza bestieg er den dort entlang führenden Bahndamm und ließ sich von einem begleitenden Soldaten ein geladenes Gewehr reichen. Aufrecht stehend, wie eine Zielscheibe, feuerte er auf die angreifenden Russen. Von Hartmann schoss eine ganze Weile, bis ihn eine feindliche Kugel traf. Sein Glück war, dass er nicht nur verwundet wurde, was ihn die Gefangenschaft zusätzlich erschwert hätte, um dann schließlich doch qualvoll zugrunde gehen zu müssen. Das geschah am 26. Januar 1943. Andere Offiziere erschossen sich aus Hoffnungslosigkeit mit der eigenen Pistole. An ein Überleben in russischer Gefangenschaft wagte keiner zu glauben. Unser Divisionskommandeur hatte gewiss den eleganteren Abgang gewählt, vielleicht den im Heer hochgeschätzten Generaloberst Fritsch zum Vorbild genommen, welcher schon im Polenfeldzug auf diese kavaliersmäßige Weise einen Schlussstrich gezogen hatte. Sofort wurde Roske zum Divisionskommandeur bestimmt und zeitgleich zum Generalmajor befördert. Die Nachricht vom Tod des Kommandeurs durchlief die Division wie ein Lauffeuer. Seine Tat kommentierte man recht unterschiedlich. Ein imponierender Abgang war es auf jeden Fall. Seinem Nachfolger für die letzten Tage war es zu verdanken, dass die Division nicht wie andere völlig auseinander fiel. Kurzfristig gelang ihm sogar noch einmal ein Stimmungsumschwung. Roske war ein Mann nüchterner klarer Befehle, der niemand über seine Ansichten und Absichten im Unklaren ließ, der wusste was er wollte. Für den Durchbruch seines Regiments am 14. September 1942 zur Wolga, war er mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet worden. Er hatte diese hohe Auszeichnung jedenfalls nicht erhalten weil er schon an der Reihe war. In diesen schweren Tagen, kurz vor dem Ende, mobilisierte er die Truppe noch einmal und bildete aus den Divisionsresten einige Verteidigungszentren. Die Stützpunktkommandanten sollten nach eigenem Ermessen handeln sobald sie isoliert wären. Er ermächtigte sie zugleich sich Unterstellungswünschen oder -Befehlen fremder Offiziere anderer Divisionen zu widersetzen. Damit gab er ihnen die Möglichkeit, sich aus dem um sich greifenden Chaos heraus zu halten. Aus eigenem Erleben wusste Roske, dass jetzt nur noch das Zusammengehörigkeitsgefühl kleiner überschaubarer Gruppen die Soldaten kampffähig halten könne. Obwohl Roske seinen Gefechtsstand neben Paulus im Kaufhauskeller beibehielt, handelte er völlig selbständig. Das hatte auch für mich Konsequenzen: Meine Batterie wurde ein nach Westen ausgerichteter „Igel“. Das besagte: die Beibehaltung der B-Stelle hatte ab sofort keinerlei Bedeutung mehr. Jetzt waren alle meine Leute in der Badehaus-Feuerstellung vereint. Die Pferde wurden abgeholt und sollten der Verpflegung der Division dienen. Nur drei Tiere durfte ich noch behalten. Aus dem restlichen Hafer buken wir Brot, das gar nicht so schlecht schmeckte, bei dem aber die Spelzen störten, die man ausspucken musste. Eins der Pferde schlachtete der Koch und verarbeitete es zu Gulaschsuppe, die zwar nicht besonders schmeckte, doch bei der Hungersnot höchst willkommen war. Meine Geschütze wurden nun in der seit dem 15. September behaupteten Feuerstellung um 180 Grad nach Westen geschwenkt, von wo der Russe zu erwarten war. Um die Geschütze errichteten wir Schutzwälle für die Bedienungen, die mit flachen Laufgräben verbunden wurden. Ich ließ gleichzeitig MG-Nester anlegen. Das war bei dem tief gefrorenen Boden ein kräftiges Stück Arbeit. Diese Betätigungen lenkten gleichzeitig von der verzweifelten Lage ab. Die Fenster im Badehaus wurden bis auf Schießscharten mit Mauersteinen zugesetzt. An geeignet erscheinenden Stellen hatten wir weitere Scharten durch das Mauerwerk gebrochen. Unsere Batterie erhielt nun laufend Verstärkung, die besonders verpflegungsmäßig kaum zu verkraften war. Die schweren Batterien der IV. Abteilung, vor allem die Überlebenden der 10. Batterie, der ich so lange angehörte, suchten bei mit Zuflucht. Sie hatte der Russe überrannt, als sie den westlichen Stadtrand erfolglos zu verteidigen versuchten. Die Bestände aus dem Hotelbetrieb meines Spießes wurden eingesetzt, das zweite Pferd geschlachtet und zwei Hafersäcke kamen unvermutet auch noch zum Vorschein. Verpflegung für die Truppe gab es keine mehr. Nur ganz selten konnte man bei den Ausgabestellen der Armee noch etwas erwischen. Die wenigen Verpflegungsbomben und abgeworfenen Brotsäcke verschwanden bei denen, die sie fanden. Empörung kam auf, als in Verpflegungsbomben auch Toilettenpapier und Kondome gefunden wurden. An beidem hatten wir in unserer Situation gewiss keinen Bedarf. Irgendein Verwaltungsspezialist aus dem fernen Berlin musste sich wohl eine Standardbefüllung für Versorgungsbomben ausgedacht haben, die hier nichts nutzte. Zu oft klafften zwischen Theorie und Praxis Welten. Immer noch befanden sich einige russische Hiwis in der Stellung, die zu gleichen Bedingungen miternährt wurden. Wir hatten sie schon lange nicht mehr bewacht und es bestand reichlich Gelegenheit zum Ausreißen. Angesichts der einfallenden russischen Verbände verschwand kaum einer um sich bei der Roten Armee einzureihen. Vielleicht erwartete sie dort aber auch ein grausames Schicksal. Ein Menschenleben in Stalins Armee zählte praktisch nichts Jetzt, in der Endphase der Kämpfe, tauchten aus Trümmern und Verstecken russische Zivilpersonen auf. Alte Männer, Frauen und Kinder, die wir von Anfang an versuchten zu evakuieren, hatten wie durch ein Wunder irgendwie überlebt. Bettelnd zogen sie erfolglos auf den Straßen herum. Wir hatten aber nichts mehr zu verschenken. Auch unsere Soldaten sind wegen Hunger zusammengebrochen und starben. Wenn am Wegesrand Leichen verhungerter oder erfrorener Menschen lagen, kümmerte sich niemand mehr um sie. Dieses Bild war zu alltäglich. Solange wir konnten haben wir versucht das Elend der Bevölkerung zu mildern. Unsere Leer-Kolonnen transportierten die Menschen aus dem Gefahrenbereich nach Richtung Westen. Diese Leute wurden nicht ausgeraubt, vergewaltigt oder gar getötet. Leider sind diese Scheußlichkeiten später tausendfach an deutschen Flüchtlingen, insbesondere vom Mob der Roten Armee, verübt worden. Die Rache der Sieger war furchtbar. Unbegreiflicherweise gab es noch in den letzten Tagen einzelne Fälle, dass Russen zu uns in den Kessel hinein überliefen. Was erwarteten sie sich bei uns Deutschen? Offenbar waren die Kämpfe für sie so hart, dass sie nicht an ihren unmittelbar bevorstehenden Sieg glaubten, oder die Behandlung durch eigene Vorgesetzte diese Verzweiflungstat rechtfertigte. Und umgekehrt, liefen auch deutsche Soldaten zu den Russen über, die mit Flugblättern und „Passierscheinen“ lockten. Keiner versprach sich von russischer Kriegsgefangenschaft gutes. Zu oft hatten wir erlebt, dass Einzelpersonen, kleine Gruppen oder Verwundete bestialisch ermordet wurden, wenn sie in deren Hände fielen. Deutsche Überläufer handelten teilweise wohl auch aus Enttäuschung über Hitler, doch selbst das war keine „Lebensversicherung“. Dennoch mehrten sich Teilkapitulationen kleinerer Einheiten und sogar ganzer Restdivisionen, weil man hoffte, so einer geordneteren Gefangenschaft entgegengehen zu können. Diese Teilkapitulationen waren für benachbarte noch kämpfende Einheiten katastrophal, weil sie plötzlich in der Luft hingen und vom Gegner umgangen wurden. Die Kapitulationen erfolgten meist ohne Absprache oder Information an die Nachbarn. Kapitulieren war nach wie vor streng verboten. Doch wer hielt sich in diesem Tumult noch an Befehle – kaum einer. Die Befehlsgewalt der Armee wurde nicht mehr ernst genommen. Das hätte Paulus an sich zum Handeln zwingen müssen. Doch es geschah nichts. Die Pferdesuppe meiner Batterie lockte untergetauchte „Ratten“ aus ihren Löchern. Nachts versuchten sie mein Küchenpersonal zu überwältigen. Wir mussten sie mit der Waffe vertreiben und stellten von nun an eine Wache neben die Gulaschkanone. Das zweite Pferd war erst teilweise verarbeitet worden, das dritte tappte wie ein Gespenst frei im Erdgeschoß des Badehauses herum. Es brach oft vor Entkräftung zusammen. Versprengten Soldaten schenkten wir einen Schlag „Klostersuppe“, wenn sie noch ihr Gewehr dabei hatten und einen Rest an Kampfbereitschaft zeigten. Am 29. Januar ging ich noch einmal zur Wolga. Meine „Russen-Halbbatterie“ war einer Infanterie-Kompanie angegliedert worden. Den Leuten ging es den Umständen entsprechend gut, aber sie sahen natürlich auch das unvermeidliche Ende nahen. Einige redeten davon, über das Wolga-Eis auszubrechen und in Gruppen auf Umwegen die deutschen Linien zu erreichen. Doch wo waren die deutschen Linien? Jedenfalls würde man zwangsläufig irgendwann die russische Front durchqueren müssen. Auf das Wolgaeis konnte man durchaus unbemerkt gelangen, doch was dann? Vielleicht 100 Kilometer in geschwächtem Zustand, ohne Nahrung, durch tiefen Schnee außerhalb der Fahrspuren marschieren? Das konnte keiner überleben. Einzelausbruch war keine reale Chance. Einige versuchten es dennoch. Ich weiß von keinem, dem das gelungen ist. Der Chef der l. Batterie, Hauptmann Sieveke und auch der Regimentsadjutant Schmidt haben es versucht und blieben verschollen. Wahrscheinlich sind sie erfroren, verhungert oder getötet worden. Ich verabschiedete mich von den Leuten. Ob wir uns je wiedersehen würden? Mein Rückweg führte mich über den Roten Platz, auf dem immer noch wie eine Art „Luftbrücken-Denkmal“ eine abgeschossene HE 111 lag. Gegenüber, im Keller des Kaufhauses Univermag, befand sich Paulus mit seinem Stab. Dort war auch der Divisionsgefechtsstand der 71. Infanterie-Division. Was dachten oder taten die Generäle da unten im Keller? Vermutlich nichts. Sie warteten. Hitler hatte eine Kapitulation verboten und Weiterkämpfen wurde von Stunde zu Stunde sinnloser. Ich ging weiter zur Schnapsfabrik, wo mein Abteilungskommandeur noch immer seinen Gefechtsstand hatte und kam an der Theaterruine vorbei, die nur noch dem Portikus eines griechischen Tempels ähnelte. Ehemalige russische Barrikaden waren wieder hergerichtet worden, um nun vor den Russen zu schützen. Der Endkampf griff auf die Innenstadt über. Im Keller der Schnapsfabrik herrschte eine gespenstische Stimmung. Der Regimentskommandeur, der Kommandeur der II. Abteilung Major Neumann und auch mein ehemaliger Mit-Fahnen-Junker Gerd Hofmann vom Artillerieregiment 19 aus Hannover waren anwesend. Gerd war jetzt Regimentsadjutant. Es existierten wohl nur noch die Reste der I. Abteilung, bei der die Obdachlosen Notunterkunft gefunden hatten. Schnapsflaschen füllten die Tische. Sie lärmten unsinnig, waren stark angetrunken und sahen schon beinahe wie Leichname aus. Es wurde ausführlich erörtert wer sich alles schon erschossen hatte. Ich fühlte mich ihnen psychisch und physisch überlegen. Immerhin konnte ich noch von meinem Urlaubsspeck zehren. Die anderen hatten sechs Wochen länger gehungert. Ich wurde zum Mittrinken aufgefordert und hielt zunächst gerne mit. „Haben Sie noch Ihre Batterie, oder ist die auch schon abhanden gekommen?“ fragte von Stumpf. „Dann wäre das ja die letzte Batterie meines stolzen Regiments, das jetzt auch im Arsch ist. Es war einmal...“ Ich berichtete vom Zugang der versprengen Artilleristen, vom Stellungsausbau und dass ich jetzt über 200 Mann hätte. Sogar von unserer Pferdesuppe erzählte ich. Als ich mich nach Weisungen oder Befehlen erkundigte und auf meine „Igel-Funktion“ hinwies, schlug es mir trunken entgegen: „Na, da salzen Sie sich Ihre stolze Batterie nur schön ein, damit sie noch etwas hält bevor sie vermodert. Die hat ja jetzt Seltenheitswert, die sollte man der Nachwelt für Museumszwecke erhalten, so eine schöne kleine Batterie.“ „Nun stehen Sie hier nicht so blöd herum, setzen Sie sich endlich auf Ihren feisten Arsch und trinken Sie mit uns. Wir müssen doch noch die restlichen Pullen leer machen...“ „Was macht denn das schöne Fräulein Braut? Weiß die überhaupt schon, dass sie Witwe ist. Ha-ha, ha…“ „Hinsetzen! Den letzten Tropfen durch die Gurgel und ein dreifaches Sieg-Heil auf Adolf den Einzigartigen, den Schöpfer der Witwen und Waisen, dem größten Feldherrn aller Zeiten! Kopf hoch! Also Prost, so jung kommen wir nicht wieder zusammen!“ Ich hatte mich schon gewundert, dass die Pistolen neben den Gläsern lagen. „Wenn wir den Fusel vernichtet haben, na dann, Peng...“ Der Kommandeur der II. Abteilung hielt den Zeigefinger der rechten Hand an seine Schläfe. „Peng, und dann ist der große Durst vorbei.“ Ich hielt überhaupt nichts vom Erschießen und hatte diesen Gedanken für mich noch nie in Erwägung gezogen. In der stickigen Kellerluft wurde mir vom Schnapsgeruch fast übel. Der Raum war überheizt. Die Kerzen hatten den Sauerstoff verbraucht, es stank nach menschlichen Ausdünstungen. Ich verspürte Hunger. Nur raus aus diesem Loch! Im Kellergang kam mir Gerd Hofmannn nach: „Mensch, Wüster, bleib doch hier. Wir kapitulieren nicht. Wir müssen doch sowieso verrecken, wenn uns der Russe nicht gleich umlegt. Wir haben uns in die Hand versprochen, dass wir selber Schluss machen.“ Ich versuchte ihn von seinem Vorhaben abzubringen und forderte ihn auf, mit mir zu meiner Batterie zu gehen. Die Trinker würden ihn doch kaum vermissen. Solange meine Batterie noch einsatzbereit ist, fasse ich keinen Entschluss über das, was mit mir werden soll. Was ich nach dem letzten Schuss auf den Gegner tun werde, wenn ich dann noch immer lebe, weiß ich jetzt noch nicht. Das klärt sich dann. „So sehr heroisch finde ich es nicht, sich besoffen eine Kugel durchs Hirn zu jagen.“, sagte ich zu ihm. Aber Gerd Hofmann blieb bei seiner Meute. Im Gegensatz zu mir, waren ihm Meinungen und Verhaltensweisen von Vorgesetzten stets Evangelium gewesen. An der frischen Luft wurde mir endlich wieder wohler. Auf dem Weg zu meiner Batterie ging es mir durch den Kopf: Die würden zum Erschießen bald viel zu besoffen sein. Aber sie brachten sich dann doch alle um. Das berichtete abends der Fernsprecher, der die Leitung zur Abteilung abbaute. Trotzdem war es ein Schock, der zu einem hoffnungslosen Gespräch mit meinem Hauptwachtmeister führte. Langsam begannen auch meine Gedanken um den alles beendenden Schuss aus der Pistole zu kreisen. Dann dachte ich an Ruth und dass ich eigentlich noch nicht viel von meinem Leben hatte. Ich war noch jung und befand mich bisher nur in Abhängigkeit anderer. Da waren Pläne, Ziele, Ideen und ich wollte nach diesem Krieg endlich auf eigenen Beinen stehen. Vieles sprach für das selbstbestimmte Ende. Es wäre gewiss bequemer, in einer der unterschiedlichen Herden mitzulaufen. Aber muss nicht letzten Endes jeder mit seinem persönlichen „Gott“ versuchen ins Reine zu kommen? Zum Märtyrer fand ich mich völlig ungeeignet. Mein Hauptwachtmeister brachte mich schließlich mit einem trockenen Landserspruch und einem Schluck aus der Flasche über den Berg: „Man erschießt sich im Leben meist nur ein einziges Mal, wenn man dazu nicht zu dumm ist, was vorgekommen sein soll, Herr Oberleutnant, und was ist hinterher? Manch einer hat das dann sein ganzes Leben lang bereut. Da sage ich lieber Prost!“ Nach einer Weile fügte er hinzu: „Warum sollen wir dem Russen die Arbeit abnehmen, wenn es denn überhaupt sein muss.“ Am 30. Januar 1943 trommelte der Russe von früh an, auch in unserem Abschnitt, aus allen Rohren. Dazwischen krachten die demoralisierenden Stalinorgelsalven in unterschiedlicher Nähe. Es gab kaum einmal eine Unterbrechung, in der man die Nase aus dem Loch strecken konnte. Der Schnee ums Badehaus war wie weggeblasen. Die braune Erde des gefrorenen Bodens lag als dicke Staubschicht obenauf. Bei uns hatte es kaum Verluste gegeben. Die Betondecken des Badehauses und unsere soliden Erdbunker hatten diesem Feuersturm stand gehalten. Ein Kanonier wurde von einem Granatsplitter im Bauch getroffen und ins Badehaus geschafft. Unser Sanitäter befreite ihn mit Spritzen von seinen Schmerzen. Eine Überlebenschance hatte er nicht, schon gar nicht unter diesen gegebenen Umständen. Selbst auf den Verbandsplätzen unter ärztlicher Notversorgung wurde auch nur noch elend verreckt. Wenn mein Kanonier doch nur möglichst rasch sterben würde, damit er nicht so lange leiden muss, dachte ich. Nachmittags flachte das Feuer der Russen ab. Von Westen näherten sich feindliche Panzer. Rechts von uns befand sich ein Erdhügel über einem Wasserreservoir der Stadt, der von einer fremden Infanterie-Einheit besetzt war. Linker Hand war niemand. Dort hatte man schon kapituliert. Vor meiner Batterie wurde in Sichtweite ein russisches Geschütz in Stellung gebracht. Wir vertrieben es mit ein paar Granaten. Ein Panzer näherte sich und feuerte eine Granate in die Nähe des Badehauses. Ohne Befehl sprang der Geschützführer, Unteroffizier Fritze, mit seinen Leuten an die Haubitze und bekämpfte den Panzer im Direktbeschuss. Sogar ein Hiwi russischer Herkunft war aus freien Stücken dabei und machte den Ladekanonier. Bei dem sich entwickelnden Duell war uns der Panzer mit seiner höheren Feuergeschwindigkeit im Vorteil, brachte aber keinen Volltreffer zuwege. Vor Nahtreffern schützte der Ringwall. Fritze hatte schließlich Erfolg, traf den Turm des T 34 mit einer 10,5 cm-Granate. Ich hatte den Volltreffer mit meinem Fernglas beobachtet und schickte die Geschützbedienung in Deckung zurück, doch überraschend fuhr der Panzer wieder an und begann erneut zu feuern. Unser Volltreffer hatte ihn durch seine starke Panzerung wohl nicht erledigt. Beim zweiten Volltreffer hatten wir auch kein Glück. Panzergranaten hatten wir nicht mehr und die normalen Granaten schlugen meist nicht durch. Erst der dritte Treffer brachte endlich den ersehnten Erfolg. Er schlug am Heck des T 34 ein und der Motor des Kollos geriet in Brand. Es hatte mich völlig überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit meine Leute noch kämpften. Die erfolgreichen Kanoniere freuten sich fast wie Kinder, schienen ihre hoffnungslose Situation für einen kurzen Augenblick zu vergessen. Als nach einiger Zeit ein weiterer Panzer auftauchte, ein noch gewaltigerer der KW-Klasse, setzte ich vorsorglich zwei Geschütze auf ihn an. Auch diesen KW schafften wir ohne eigene Verluste zu erleiden. Leider hatte sich unsere Infanterie vom Wasserreservoir vertreiben lassen. Wir gerieten in das MG-Feuer der nach dorthin vorgedrungenen Russen. Unsere Lage wurde immer ernster und aussichtsloser, obwohl inzwischen links von uns eine eigene leichte Batterie mit veralteten LFH-16-Feldhaubitzen in Stellung gegangen war. Aber auch die verfügten nur noch über wenige Granaten. Im Badehaus konnte ich den entbehrlichen Leuten Schutz anbieten. Es wurde Nacht und die Kampfhandlungen schliefen ein. Den kommenden Tag würden wir kaum durchstehen können. Wir hatten nur noch 19 Granaten und ich befahl daher vorsorglich zwei unserer Geschütze zu sprengen. Eins war ohnehin schon beschädigt, wenn auch noch verwendungsfähig. Für jedes Geschütz besaß man eine l Kg-Sprengladung, die in Verschlussnähe ins Rohr geschoben werden konnte. Mit einer kurzen Zündschnur wurde sie gezündet und das Geschütz unbrauchbar gemacht. Damit zerstörte man das Rohr, den Verschluss und die Rohrwiege. Plötzlich erschien ein fremder Infanterie-Offizier in unserer Stellung und wollte die zweite Sprengung verhindern. Er befürchtete, die Russen würden auf die Materialvernichtung aufmerksam und könnten später ihren Ärger an deutschen Gefangenen abreagieren. Er redete noch allerhand mehr daher. Jedenfalls ließ ich auch die zweite Haubitze sprengen. Bald danach befahl mich der fremde Infanterie-Kampfgruppenkommandeur zu sich. Warum sollte ich nicht zu ihm gehen? Zur Not konnte ich mich auf meinen General Roske berufen und meine Unabhängigkeit behaupten. Ich traf auf einen wichtigtuerischen Oberstleutnant, dem es eigentlich gar nicht mehr um die gesprengten Geschütze ging. Er befahl mir, noch in der Nacht den Hügel des Wasserreservoirs zurückzuerobern. Diese Anhöhe beherrschte die ganze Gegend. Außerdem wollte er sich meine Batterie unterstellen, um die Angelegenheiten vollständig in die Hand zu bekommen. Dabei verwies er auf seinen höheren Dienstgrad und versuchte mir zu drohen, als ich mich auf meine Selbständigkeit berief. Er ließ auch nicht gelten, dass ich auf die Aussichtslosigkeit hinwies, mit „unausgebildeten“ Artilleristen zurückerobern zu wollen was die Infanterie im Kampf verloren hatte. Schließlich sagte ich halbherzig einen Versuch zu. Ich stellte einen Trupp von zirka 60 Mann zusammen, suchte einige geeignet erscheinende Unteroffiziere aus und wollte beginnen. „Das kann doch nichts werden.“, entgegnete der Spieß, wollte aber freiwillig mitmachen. Es war Vollmond bei wolkenlosem Himmel. Auf den vom russischen Beschuss unberührten Flächen knirschte der Schnee unter den Füßen und ließ die Umgebung fast taghell erleuchten. Zunächst konnten wir gedeckt vorgehen, mussten dann aber über deckungslosen Schnee den freien Hügel hinauf. Kurz vorher vereinbarten wir zeitgleich in zwei Gruppen aus der Deckung hervorzubrechen, um die Russen zu verwirren. Bisher waren sie noch nicht aufmerksam geworden, obwohl sie eigentlich schon etwas gemerkt haben mussten. Oder waren sie gar nicht mehr auf dem Hügel? „Also, dann los!“, rief ich leise und ging hügelan auf die freie Fläche. Angst hatte ich schon dabei. Nichts geschah - kein Schuss. Als ich mich umblickte, waren nur noch zwei Mann in meiner Nähe. Einer war der Spieß. Als niemand folgte, gingen wir in die Deckung zurück. Dort hockte die ganze Meute - sagte nichts, rührte sich nicht. „Was ist, habt ihr keine Lust mehr?“, ging ich sie an. „Nein.“, kam es aus der hinteren Reihe. „Wenn die sich von ihrem Berg runter jagen lassen sollen sie gefälligst selbst sehen wie sie wieder rauf kommen. Wir wollen doch da nicht hin.“ „So, da wollt ihr also meutern? Wollt ihr überhaupt nicht mehr kämpfen, oder was habt ihr sonst noch vor? Dann hättet ihr doch heute früh dem Iwan seine Panzer nicht mehr kaputt zu machen brauchen.“, entgegnete ich. In diesem Moment begriff ich, dass die Zeit meiner Befehlsgewalt abzulaufen begann. Selbst mit Nachdruck war nun niemand mehr hinter dem Busch vorzulocken. „An unserm Geschütz bleiben wir und wir schießen auch zurück, aber Infanterie mit Hurra und so spielen wir nicht mehr, das ist vorbei.“ Wir machten Kehrt und ich berichtete dem Oberstleutnant vom Misserfolg dieser Aktion und meiner Vermutung, dass der Hügel unbesetzt sei. Der gab sich unbeherrscht, krähte von Feigheit und Kriegsgericht. Als er sich schließlich abreagiert hatte, fragte er, ob die Herren Artilleristen überhaupt noch zu kämpfen gedächten. Ich antwortete mit einem müden „Ja“. Zu einem „Jawohl, Herr Oberstleutnant.“ konnte ich mich nicht mehr aufraffen, ergänzte aber: „Ich nehme an, dass wir morgen noch kämpfen werden, auch wenn es nicht mehr viel Sinn hat, so wie die Dinge liegen.“ Jedem war klar, dass der 31. Januar der letzte Tag in eingekesselter „Freiheit“ für uns sein würde. Nachdem ich mich mit meinem Hauptwachtmeister abgesprochen hatte, ließ ich alle noch vorhandene Verpflegung verteilen und wies darauf hin, dass es ab nun nichts mehr geben werde. Jeder müsse selbst wissen, wie er es sich einteile. Das letzte Pferd lief noch oben über der Kellerdecke herum, brach zusammen und kam wieder auf die Beine. Zum Schlachten war es jetzt zu spät. Die Hufgeräusche waren gespenstisch. Ich ließ alles Gerät, außer Waffen und den T-Empfänger vernichten. Unser Verwundeter stöhnte und schrie vor Schmerzen, denn der Sanitäter hatte keine Spritze mehr. Wenn er doch endlich sterben würde, der arme Kerl, wenn er wenigstens ruhig sein wollte. Mitgefühl kann sich erschöpfen, wenn man selbst hilflos wird. Die lauernde Ungewissheit wurde unerträglich. An Schlafen war nicht zu denken. Lustlos wurde ein letztes Skatspiel versucht, was aber auch nicht half. Dann tat ich, was fast alle taten: Ich setzte mich hin und fraß von meinen Vorräten so viel in mich hinein, wie ich konnte. Das beruhigte zunächst. Haushalten mit der restlichen Verpflegung schien auch sinnlos geworden zu sein. Auf einmal wurden von meinen aufgestellten Wachposten drei russische Offiziere hereingeführt. Der eine, ein Hauptmann, sprach recht gut Deutsch. Niemand wusste, wo sie so plötzlich hergekommen waren. Ich wurde zur Kampfaufgabe aufgefordert. Wir sollten unsere Verpflegung strecken, uns mit Getränken versorgen und die Stellung bei Tagesanbruch mit weißen Fahnen kennzeichnen. Der Vorschlag war vernünftig, doch wir waren uns noch unschlüssig. Weiterer Widerstand war eigentlich sinnlos. Ich würde diesen Oberstleutnant unterrichten müssen, auch die fremde Batterie neben uns. Der Oberstleutnant musste schon Wind vom Besuch der Russen bekommen haben. Er zog eine Riesenschau ab: „Verräterei, Kriegsgericht, Erschießung …“ usw. Ich konnte ihn nicht mehr ernst nehmen und wies darauf hin, dass ich den Kontakt zu den Russen nicht gesucht habe, sondern sie von selbst gekommen seien. Ich erklärte meine Bereitschaft die Russen unverrichteter Dinge wieder fortzuschicken, wenn die Infanterie zum letzten Kampf fest entschlossen sei. Meine Männer würden dann vermutlich auch am 31. noch mit kämpfen, wenn wohl auch nicht mehr viel auszurichten sei. „Unterlassen Sie endlich die Gerätezerstörerei. Damit machen Sie doch die Russen nur verrückt. Nachher machen die gar keine Gefangenen mehr!“, rief mir der cholerische Oberstleutnant nach. Nun wusste ich gar nicht mehr wie ich mit ihm dran war. Sterben wollte er offenbar nicht. Ich schickte die Russen weg, berief mich dabei auf „höhere Befehle“, die mir „leider“ keine andere Handlungsweise gestatteten. Diese Version erleichterte mir auch gegenüber meinen Leuten das Gesicht zu wahren. Wie gewohnt schalteten wir für den Empfang der deutschen Nachrichten den Transistorempfänger ein und hörten außer Nachrichten auch die Rede Görings zum 30. Januar, dem zehnjährigen Jubiläum der nationalsozialistischen Machtergreifung. Es war das noch gesteigerte bühnenreife Schwadronieren aufgeblasener Phrasen, welches man früher nicht so abgeschmackt vernommen hatte. Wir empfanden diese Rede als blutigen Hohn auf uns, die man für Fehlentscheidungen der obersten Führung hier verrecken ließ. Thermopylen, Leonidas, Spartaner - wir wollten doch gar nicht mit den Helden des klassischen Altertums konkurrieren! Stalingrad wurde zum Mythos gemacht, noch ehe alle „Helden“ tapfer untergegangen waren. „Der General steht neben dem einfachen Landser, beide mit dem Gewehr in der Hand. Sie verschießen ihre letzte Patrone – sterben, damit Deutschland lebe.“ „Abstellen! Das Arschloch lässt uns hier verrecken, macht Sprüche und frisst sich dabei die Wampe voll. Aber fertig bringt er nichts, der aufgeblasene bunte Papagei…“ In der Wut wurden noch viele andere Unflätigkeiten herausgeschrien, die auch gegen Hitler gingen. Ja, wir durften als Opfer unverantwortlich leichtfertiger Entscheidungen schon im Voraus die Leichenreden auf unseren Tod mit anhören. Die Geschmacklosigkeit war wirklich nicht mehr zu überbieten. Görings Versorgungsgarantie hatte das Ausbruchsverbot wesentlich beeinflusst. Aus sturer Überheblichkeit wurde eine ganze Armee geopfert. „Wo der deutsche Soldat steht, da kommt kein anderer hin!“ Das hatte sich im vorausgegangenen Winter schon einmal als Irrtum erwiesen und wir waren jetzt schon zu schwach zum Stehen - leere Worte, Phrasen, dümmliches Geschwätz. 1000 Jahre sollte das Dritte Reich halten und schon nach 10 Jahren begann es zu wanken. Zunächst hatte uns Hitler fast alle in seinen Bann gezogen. Er hatte alle im geschlossenen Siedlungsgebiet lebenden Deutschen in einen Deutschen Staat zusammengeführt. Der Anspruch auf Danzig und eine Korridorlösung war gerechtfertigt. Wir Soldaten wollten diesen Krieg nicht, wollten nicht auf irgendwelchen Schlachtfeldern dieser Welt verrecken, selbst auf die Gefahr hin, dass Stalin ganz Europa bolschewisieren wollte. Aber jetzt, hier, im fernen Stalingrad, hatten wir die Schnauze gestrichen voll. Im sicheren Badehauskeller meiner Batterie fragte mich ein älterer Unteroffizier ernsthaft und ruhig, ob es nun endgültig mit uns zu Ende gehe und ob denn wirklich nicht mehr die geringste Hoffnung bestehe. Ich konnte ihm, wie auch mir selbst, keine Hoffnung erklären. Der kommende Tag würde das Ende bringen. Der Mann war ein kultivierter Reservist mit erkennbarer Bildung. Wegen seiner Ängstlichkeit war er oft geneckt worden. Nun ging er ruhig und gefasst in den Erdbunker an sein Geschütz zurück. Warum hatte er wohl gefragt? Jeder merkte doch, was die Stunde geschlagen hatte. War es die Suche nach Bestätigung eines kleinen Hoffnungsschimmers vor dem drohenden unbekannten Schicksal? Funkgeräte, Fernsprecher und anderes Gerät wurden mit der Kreuzhacke zerschlagen, schriftliche Unterlagen der Batterie verbrannt. Endlich starb unser Verwundeter. Ich zog mir ein Paar weite lederne Kommisstiefel an, in denen ich ein zweites Paar Socken überziehen konnte. Ich trennte mich zwar ungern von meinen Filzstiefeln, konnte so aber beweglicher sein. Danach schlief ich unter dem neuen pelzgefütterten Ledermantel, den mir meine Eltern an die Front geschickt hatten ein. Dieser Mantel hätte wohl einem General gut zu Gesicht gestanden, aber hier in Stalingrad war er für einen Frontoffizier unbrauchbar. Dieses schöne Kleidungsstück war während meiner Urlaubsabwesenheit bei der Batterie eingetroffen. Wie gern hätte ich im Urlaub mit diesem Mantel angegeben. Jetzt würde er sicher in russische Hände geraten, wie wohl auch mein Leica-Fotoapparat. Unbegreiflich, dass mir solche Nebensächlichkeiten durch den Kopf gingen, wo es doch ums nackte Überleben ging. Ruth, ach ja, daraus würde nun wohl auch nichts mehr werden. Mit meinem Tod rechnete ich täglich. Möge er möglichst kurz und schmerzlos erfolgen. Vom Gedanken der Selbsttötung hatte mich mein Spieß abgebracht. Vielleicht wäre ich aber auch ohne ihn zu feige gewesen, obwohl Selbstmord ein gewisser Ausdruck von Feigheit sein mag. Den lieben Gott hatte ich für Stalingrad nicht verantwortlich gemacht. Was hatte er denn damit zu tun?

 

Weg in die Gefangenschaft

 

Der 31. Januar war ein Sonntag. Geschrei weckte mich: „Die Russen sind da!“ Noch im Halbschlaf stürzte ich mit der Pistole in der Hand die Kellertreppe nach oben und schrie unbewusst: „Wer zuerst schießt lebt länger!“ Ich traf einen Russen, der mir entgegen fiel. Bloß raus aus dem Keller und ran an die Schießscharten im Erdgeschoß, dachte ich mir. Da standen schon einige Kanoniere und schossen. Ich schnappte mir einen Karabiner und trat an ein Seitenfenster um in der Morgendämmerung besser sehen zu können. Russen drangen in unsere Feuerstellung ein und ich schoss. Aus den Erdbunkern bei den Geschützen kamen Kanoniere mit erhobenen Händen. Der ältere Unteroffizier ballerte mit seiner Pistole ziellos um sich. Ein Feuerstoß aus einer russischen Maschinenpistole machte ihm ein Ende. War es von ihm Mut, Verzweiflung - wer kann das wissen? Die Feuerstellung war verloren. Meine Kanoniere wurden als Gefangene fortgeführt. Aber das Badehaus wurde noch für kurze Zeit zur „Festung“. Es bot jetzt allein Schutz und Sicherheit. Die fremde Batterie links neben uns war ebenfalls überrannt worden. Ihr Batteriechef, ein stämmiger Mann, der aus dem Mannschaftsstande als Hauptmann hervorgegangen war, kämpfte sich mit einigen seiner Leute zu uns ins Badehaus durch. Die Schießscharten bewährten sich. Wir schossen unaufhaltsam auf alles was sich draußen bewegte. Einige Gewehrschützen schnitzten für jeden von ihnen getroffenen Russen eine Kerbe in ihren Gewehrkolben. Was mögen sie sich dabei gedacht haben, war es noch einmal Selbstbestätigung mit dem Erfolgsgedanken längst vergangener Tage? Aber was sollte das alles noch? Es war sinnlos geworden. Die Russen zogen sich zunächst respektvoll zurück. Einige unsere Maschinengewehre versagten bei der Kälte. Das Öl wurde steif und wir Artilleristen wussten uns nicht recht zu helfen. Das Gewehr war die geeignetere Waffe. Ich schoss immer, wenn ich ein Ziel wahrzunehmen glaubte, traf aber seltener als erhofft. Infanterie-Munition war überreichlich vorhanden. Überall standen offene Munitionskisten herum. Die Schießerei lenkte ab, beruhigte sogar irgendwie. Plötzlich hatte ich die merkwürdige Vorstellung, in einer Art Zuschauerposition zu sein. Ich betrachtete quasi alles von außen. Es war eine Situation, die mir fremd und unwirklich vorkam. Rechts von uns, wo die fremde Infanterie mit ihrem cholerischen Oberstleutnant war, wurde nicht mehr gekämpft. Dort schwenkte man weiße Wäschestücke an Stöcken und Gewehren. Im Gänsemarsch bildeten sich Kolonnen und wurden abgeführt. .“Seht euch die Arschlöcher an!“ schrie einer und wollte dazwischen schießen. „Was soll das, lasst sie in Ruhe.“, griff ich ein, obwohl mir alles gleichgültig war. Es waren 20 Grad unter Null, aber die Kälte war nicht zu spüren. Im Keller aufgewärmte Maschinengewehre und Maschinenpistolen funktionieren wieder für kurze Zeit, bis sie abermals erkalteten und ihren Dienst versagten. Angeblich benutzte die Infanterie Petroleum, um die Funktion der Waffen zu erhalten. Vorübergehend trat Ruhe ein. Was kann man jetzt noch machen? Das Badehaus war zur Insel in der roten Flut geworden - zu einer völlig unbedeutenden Insel, an der vorbei sich die Flut schon in die Stadt hinein ergossen hat. Seitdem es still wurde, war die klirrende Kälte wieder zu spüren. Ich verteilte Ablösungen an die Schießscharten, damit sich jeder einmal im überheizten Keller, bei starkem Kaffee aufwärmen konnte. Ich frühstückte, was ich noch hatte. An den Schießscharten beobachtete ich einige Hiwis, die auf ihre eigenen Landsleute schossen. Wir hatten uns nicht mehr um sie gekümmert. Die Hilfswilligen hätten noch in der Nacht verschwinden können. Was mochte in ihnen vorgehen? Gewehre standen genügend herum und Munition lag überall bereit. Trotzdem hielten sie zu uns, selbst auf die sichere Konsequenz hin, bei Gefangennahme durch ihre Leute keine Überlebenschance zu haben. Ihr Versuch, den Krieg in unseren Reihen zu überleben, war gescheitert. Sie hatten nichts mehr zu verlieren. Der fremde Hauptmann spielte sich auf, obwohl er doch nur Gast bei uns war. Er erweckte den Eindruck, als wolle er jetzt noch siegen. Der Mann hatte vor aus dem Badehaus ausbrechen, um wieder Anschluss an eigene noch kämpfende Verbände zu finden. Halbherzig folgte ich seinem Entschluss, obwohl wir kämpfende Einheiten nur noch im Stadtinneren vermuteten. Beim Verlassen unseres Badehauses empfingen uns Maschinengewehrfeuer und Granatwerfer. Eisbrocken und Ziegelsplitter trafen mich schmerzend. Also stürmten wir zurück ins Haus, was nicht mehr allen gelang. Einige blieben tot und verwundet draußen liegen. Dann näherten sich einige Russenpanzer und beschossen das Badehaus. Die dicken Wände hielten dem Beschuss stand. Wie lange sollte das noch weitergehen? Die Zeit verging erschreckend langsam. Die T 34 rückten immer näher auf uns zu und feuerten nun gezielt auf unsere Schießscharten mit ihren Maschinengewehren. Das bedeutete unser Ende. Wer sich an die Scharten traute, fiel sofort durch Kopfschuss tot um. Es gab viele Tote. In dem Durcheinander tauchten plötzlich unbemerkt russische Parlamentäre im Haus auf. Ein Leutnant, ein Hornist und ein Soldat mit einem weißen Fähnchen an einer Stange, das an ein Jungvolk-Wimpel der Hitlerjugend erinnerte, standen vor uns. Nur gut, dass keiner der Parlamentäre Schaden genommen hatte, dachte ich. Der Hauptmann machte Anstalten die Russen zu verjagen, aber unsere Soldaten hatten genug. Sie stellten ihre Gewehre fort und suchten ihre Rucksäcke herbei. Die Schießerei hatte aufgehört, doch ich traute dem Frieden nicht. Vor allem der so markige Hauptmann war unberechenbar. Ich wollte mich seinem Einfluss entziehen und sprach mit zwei neben mir stehenden Kanonieren, ob man nicht versuchen solle, durch einen der bis ans Badehaus heranführenden Laufgräben zu entwischen. Richtung Innenstadt könnte man vielleicht doch noch durchkommen und Anschluss finden. Vielleicht suchte der so entschlossen wirkende Hauptmann den Heldentod um uns dann noch alle mitzureißen. Geduckt rannten wir drei los und verschwanden unbemerkt in den nächsten Häusertrümmern. Wir mussten nach dem Lauf einige Zeit verschnaufen. Ich hatte sogar meinen Ledermantel nicht vergessen. Meine Leica befand sich in der Kartentasche, denn bis zuletzt machte ich noch Aufnahmen, die erheblichen dokumentarischen Wert gehabt hätten. Wir sahen zum Badehaus hinüber. Dort war der Kampf beendet. Die Verteidiger drängten sich im Gänsemarsch durch ein Spalier russischer Soldaten. War es also doch kein heldenhafter Einzug nach Walhall, bevor sich der Vorhang senkte. Wir wären besser beim Haufen geblieben, denn trotz der hohen Verluste kam es nach unseren Beobachtungen zu keinen Brutalitäten der Russen. Vorsichtig schlichen wir durch Häusertrümmer in Richtung Stadtmitte. Es war Nachmittag geworden und wir wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sich unser Generalfeldmarschall Paulus von einem russischen PKW in die Gefangenschaft hatte abholen lassen, ohne vorher noch einmal die Nase aus seinem Loch zu stecken oder gar ein Gewehr in die Hand genommen zu haben - Kessel Stalingrad-Mitte hatte aufgehört zu existieren. Im Nordkessel wurde unter General Strecker noch zwei Tage länger gestorben. Von Haus zu Haus springend und durch Keller schleichend, kamen wir drei Ausreißer nicht mehr weit. Wir befanden uns in der Nähe meiner alten komfortablen B-Stelle, als wir aus einem Keller herauskommend ein paar Russen vor die in Anschlag gehaltenen Maschinenpistolen liefen. Ehe ich so recht begriff was geschah, war ich meinen Ledermantel los. Die Pistole hatte ich beim Erheben der Hände fallen lassen. Sie fand kein Sammlerinteresse. Als mir bei der Durchsuchung die weiße Tarnjacke aufgerissen wurde, kamen die Offiziersspiegel am Feldblusenkragen zum Vorschein. Ein Faustschlag ins Gesicht folgte einem urigen Fluch. Man drängte uns in eine Mauerecke und mehrere Russen legten ihre Maschinenpistolen auf uns an. Ich war noch nicht wieder richtig zu Atem gekommen, apathisch aber ohne Angst. „Alles aus. Also doch.“, schoss es mir durch den Kopf. „Das hättest du dir ja denken können, dass die sich nicht mit Einzelgängern aufhalten.“ Ich empfand eigentlich nichts, wartete gleichgültig, eher teilnahmslos auf das große unbekannte Aus, von dem ich keine Vorstellung hatte. Die Frage, ob die Russen uns umgelegt hätten blieb ungeklärt, denn ein vorbeirollender T 34 hielt an und lenkte die Rotarmisten von uns ab. Sie sprachen miteinander. Ein ölverschmierter Unterleutnant kam aus dem Turmgeklettert und filzte uns noch einmal gründlich. Er fand auch meine Leica, wusste aber nichts mit ihr anzufangen, drehte an ihr herum und warf sie schließlich achtlos gegen eine Mauer. Das Objektiv brach heraus. Auch meine vollgeknipsten Filme warf er in den Schnee. Ich trauerte meinen Bildern nach. Mein ganzes Fotografieren war für umsonst, schoss es mir durch den Kopf. Natürlich waren wir unsere Armbanduhren schon gleich zu Beginn los geworden. Trotz aller Proteste brachte der Unterleutnant auch meinen Ledermantel an sich. An meiner ledernen Kartentasche war er nicht interessiert, auch nicht an dem darin befindlichen Skizzenblock und einem Aquarellfarbenkästchen. Doch an meinen gefütterten Lederhandschuhen fand er Gefallen und zog sie sich fröhlich grinsend an. Als er in seinen Panzer zurück kletterte, warf er mir ein Paar ölverschmierte Pelzfäustlinge zu und ein Säckchen mit russischem Trockenbrot. Zwischen zwanzig und dreißig deutsche Gefangene wurden an uns vorbeigetrieben. Lachend schob man uns dazu. Auf einem Trampelpfad ging es Richtung Westen aus der Stadt hinaus. So hatten wir Anschluss an die Gefangenschaft gefunden und waren gar nicht so unzufrieden. Die riskanteste Phase vom freien Kämpfer zum rechtlosen Gefangenen hatten wir, wenn auch auf riskantem Umweg, hinter uns gebracht. Den Leuten aus dem Badehaus bin ich, bis auf wenige Ausnahmen, so bald nicht wieder begegnet. Bei strenger Kälte schien die Sonne vom wolkenlosen blauen Himmel herab. Die Lebensgeister kehrten in meinen Körper zurück. Ich wollte mit allen Kräften versuchen durchzuhalten und am Leben zu bleiben. Wie das geschehen sollte, darüber konnte ich mir keine Vorstellungen machen. Ich erwartete Bahntransport und Lager, primitiv, wie so vieles in Russland, aber doch erträglich. Zunächst war das harte Trockenbrot, das ich mit meinen beiden Ausreißern teilte, noch wichtiger. Bald wurde nichts mehr geteilt: Hunger macht egoistisch und verdrängt jede Menschlichkeit. Von Kameradschaft und Nächstenliebe bleibt da nicht mehr viel. Nur die engsten Freundschaften haben noch Bestand. Dass man mich so arg ausgeplündert hatte, empfand ich nicht mehr tragisch. Es kam sogar ein gewisses Dankbarkeitsgefühl für den blonden fröhlichen Panzer-Unterleutnant auf, der seine Beute schließlich sogar „bezahlte“. Brot war mehr wert als ein nutzlos gewordener Ledermantel oder eine Kamera, die man doch nicht auf Dauer behalten hätte. Die verölten Pelzfäustlinge sollten mir noch gute Dienste leisten. Kein Russe wollte sie mir wegnehmen. Gruppen und Grüppchen von Kriegsgefangenen wurden durch die Trümmer der Stadt getrieben. Diese Rinnsale flossen dann zu einer gewaltigen Kolonne von einigen Hundert, später Tausenden Gefangenen zusammen. Es ging an niedergekämpften deutschen Stellungen vorbei. Zusammengeschossene, auch ausgebrannte Fahrzeuge, Panzer und Geschütze aller Art, säumten den Weg aus festgefahrenem und festgetretenem Schnee. Überall lagen steif gefrorene Leichen herum - völlig abgemagert, unrasiert, oft verkrampft. Mitunter türmten sich die Leichen zu verschlungenen Haufen wie vorher zusammengetrieben und mit Maschinenwaffen niedergemäht. Andere Leichen wiesen Verstümmelungen bis zur Unkenntlichkeit auf. Diese ehemaligen Kameraden wurden tot oder lebendig, durch russische Panzer überfahren. Ihre Körperteile lagen als zerfetzte Eisstücke in der Gegend herum. Ich nahm das alles im Vorübergehen wahr, doch wie im Halbtraum verschwammen die grausigen Bilder ineinander, ohne Grauen zu erzeugen. In den Jahren des Krieges hatte ich so manchen Kameraden verloren, hatte Tod und Leid neben mir erlebt, aber nie hatte ich auf engstem Raum so viele getötete Soldaten gesehen. Ich marschierte mit leichtem Gepäck. Mein Rucksack ohne nennenswerten Inhalt, die Zeltbahn, eine am Weg aufgenommene Decke, mein Kochgeschirr und meine Kartentasche waren mir geblieben. Immerhin besaß ich noch eine Dose Schmalzfleisch und einen Beutel mit eiserner Ration (Zwieback, der nur bei großem Hunger genießbar war). Mein Magen meldete sich noch nicht nach der vortägigen Völlerei im Badehaus und dem Russenbrot. In den Lederstiefeln war ich gut zu Fuß und hielt mich im vorderen Teil des Gefangenenhaufens. Bei einem kurzen Halt musste ich die Hosen herunterlassen, um mich zu entleeren. Ich erschrak: Die Unterhose war voll festgetrocknetem Blut. Ich musste mir bei dem Durcheinander der letzten Kampfhandlungen unbemerkt einen Splitter eingefangen haben. Ein Betasten der rechten Pobacke führte schließlich zu dem Ergebnis, dass es nicht schlimm sein konnte und ich kaum Blut verloren hatte. Es schmerzte kaum bei Druck und blutete nicht mehr. „Und wieder Glück gehabt.“, sagte ich mir. In der endlosen Gefangenenkolonne schleppten sich viele nur noch mühsam voran. Ich begriff erst jetzt wie elend und ausgemergelt die Kämpfer waren. Noch immer zehrte ich vom Urlaubsspeck. Immerhin hatte ich sechs Wochen weniger hungern müssen und es als Artillerist besser gehabt, als die hilf- und schutzlos ausgelieferten Infanteristen in der Steppe. Jetzt sah ich die ausgehungerten völlig erledigten Gestalten um mich herum, die kaum mehr in der Lage waren sich aus eigener Kraft fortzubewegen. In grotesken Vermummungen, teils nur Augen und Nase hervorzeigend, wankte die Masse kolonnenförmig durch den Eiswind in die Steppe. Immer mehr franste der Aufmarsch nach hinten aus. Die wenigen russischen Begleitposten hatten nach und nach ihre vergebliche Schreierei „Buistro“ und „Dawaij“, mit der sie uns vorangetrieben hatten, aufgegeben. Sie stapften selbst nur noch mürrisch durch den Schnee. Hinten brachen die ersten erschöpften Gefangenen zusammen. Anfangs wurden sie von beherzten, kräftigeren Kameraden noch ein Stück mitgeschleppt. Bald aber wurden auch die noch stärkeren mit ihrer Last zu schwach. Meine Kräfte ließen ebenfalls nach und ich quälte mich nur noch mühsam durch den Schnee voran. Wer allein war, torkelte, brach zusammen und blieb liegen. Der Frost erlöste sie von aller Qual. Verwundete Kameraden waren von vornherein am meisten gefährdet. Mit Tritten und Kolbenstößen brachten die Russen die Liegenden anfangs für kurze Zeit wieder auf die Beine, dann fielen die ersten Schüsse. Ein Aufschrei ging durch die Gefangenenkolonne. Es mehrten sich laute Proteste, Flüche und die Forderung stehen zu bleiben, um eine Rast zu erzwingen. Es folgten Schläge, Stöße, gewaltsames Wiederantreiben, Schüsse über unsere Köpfe hinweg. Menschlicher Überlebenswille ließ die schwächsten Gefangenen blind nach vorn drängen, um der Tötung durch die Posten zu entgehen. Häufigere Schüsse und schwächer werdende Protestschreie kündeten vom Abstumpfen der Massen. Jeder hatte mit sich selbst zu tun und setzte mühsam Schritt vor Schritt. Natürlich war ich empört und erregt, dass die Begleitmannschaften die kraftlos zusammenbrechenden Menschen kurzerhand erschossen und liegen ließen. Aber ich war klar genug mich zu fragen, ob die Posten überhaupt anders handeln konnten. Wer liegen blieb, wäre so und so bald erfroren. Transportmittel standen nicht zur Verfügung. Die Russen hatten mit ihrem Vordringen nach Westen selber Transportprobleme und ihre Führung machte sich wenig Gedanken um die auf sie zukommenden Gefangenenmassen. Wir waren ja während unseres Vormarsches 1941 mit der Menge an russischen Kriegsgefangenen auch nicht fertig geworden. Ob unsere Bewacher auch geschossen haben? Ich weiß es nicht. Mit russischen Gefangenen hatte ich nichts zu tun gehabt. Aus anderer Sicht war es vielleicht sogar menschlich, wenn man dem Leidenden mit einem Schuss ein rasches Ende bereitete. Wer weiß was in diesem Schützen vorging, wenn er seine Waffe gegen einen wehrlosen, am Boden liegenden erhob. Aber Mitleid kann sich ein Soldat bei seinem grausamen Handwerk kaum leisten. Solange das Begleitpersonal noch von Fronttruppen gestellt wurde, hatte ich nicht das Gefühl, dass man uns schikanieren, quälen oder systematisch fertig machen wollte. Diese Soldaten erfüllten ihren Befehl ohne erkennbare Emotionen. Trotz aller rationalen Begründungen bleibt aber Zorn gegenüber den Siegern. In Stalingrad hätten sich die Russen auf die zu erwartenden hohen Gefangenenzahlen vorbereiten können. Sie mussten sich auch im Voraus über den schlechten Gesundheitszustand ihrer Gefangenen im Klaren sein. Sie hätten insbesondere für die in den Kellern der Stadt verkommenden Verwundeten Vorbereitungen treffen müssen, um sie nicht ihrem Schicksal, dem aussichtslosen Kampf mit dem Tode, zu überlassen. Offenbar hatten sie sich um die Deutschen im Kessel, trotz wohlklingender Kapitulationsangebote, kaum Gedanken gemacht. Es ging um die Vernichtung der "faschistischen" deutschen 6. Armee. Langsam wurde es dunkel. In der Ferne sah man Leuchtkugeln aufsteigen und das Aufblitzen von Granatabschüssen. Wer kämpfte da noch? Waren die Leuchtkugeln russische Freudenfeuer oder griffen nun doch noch deutsche Entsatztruppen an? „Die holen uns hier wieder raus.“ „Wenn unsere noch kommen, legen uns die Russen aber vorher um.“ Die Parolen, Zeichen letzter Hoffnung, nahmen zu - eine unsinniger als die andere. Beleuchtete LKW-Kolonnen kamen uns, fast wie in Friedenszeiten, entgegen. Wie drohende Schatten standen russische T 34 auf der schneeglatten Rollbahn. Kleine Feuerchen unter den Bodenwannen hielten die Motoren warm und startbereit. Russen kannten ihr „Väterchen Frost“ und konnten mit ihm umgehen. Schließlich trieb man uns in eine größere Balka hinunter, die schon mit Menschenmassen angefüllt war. Alle standen frierend herum und warteten auf das, was weiter geschehen werde. Wie stets in unklaren Situationen traten Gerüchte auf. Es soll Essen ausgegeben werden oder, die Kranken und Verwundeten werden auf Kraftwagen verladen oder, es geht noch bis zum nahen Don und von dort aus gäbe es Eisenbahntransporte. Viel wurde noch gerätselt, aber es geschah nichts. Am oberen Balkarand patrouillierten russische Posten, die ebenfalls froren. Ich war übermüdet, wühlte mir ein Schneeloch, schob meine Füße mit den Lederstiefeln in meinen recht leeren Rucksack und rollte mich unter Decke und Zeltbahn zusammen. Ich schlief sofort ein. Als ich erwachte, begann bereits der Morgen zu grauen. Ich war steif und kam nur mühsam auf die Beine. Erstarrt vor Kälte schlug ich die Arme um mich und trampelte mit den Füßen. Die Nacht hatte ich gut überstanden. Es gab viel Lärm aber keine Verpflegung, auch nichts zu trinken. Viele lutschten Schnee, doch das war riskant. Die Kroaten, die einer österreichischen Division angehört hatten, versammeln sich. Sie konnten sich sprachlich mit den Russen recht gut verständigen und versuchen, Vorteile für sich herauszuschlagen. Auf ähnliche Gedanken kamen auch Österreicher: „Wir bilden den Marschblock Rot-Weiß-Rot!“, rief ein älterer Rittmeister unentwegt mit Wiener Dialekt - Beck hieß er wohl. „Was haben wir denn mit euch Nazis zu schaffen, die ihr uns überfallen habt um uns in eure Uniformen und euren Krieg zu pressen?“ Unentwegt schwadronierte er in ähnlichen Phrasen weiter. Sein Tonfall wirkte unerträglich. Es versammelten sich schnell etliche Opportunisten um ihn, die Rot-Weiß-Rot dem Hakenkreuz vorzuziehen gedachten. Auch ein paar Nicht-Österreicher fanden sich, brachten aber den österreichischen Dialekt nicht recht hin und wurden verächtlich abgewiesen: „Geht’s ihr doch mit eurem Hitler, schaut’s, dass ihr weiter kommt, ihr dreckatn Nazis. Heim ins Reich mit Euch!“ Das alles wurde einem Oberfeldwebel nun doch zu dumm: „Jetzt halt aber langsam deine gottverdammte Schnauze! So laut wie ihr 1938 geschrien habt, konnte bei uns gar keiner nach dem Führer schreien, den ihr lieben Österreicher uns doch erst beschert habt und jetzt nicht mehr kennen wollt!“ Irgend etwas musste der Rittmeister erwidert haben, denn plötzlich schlug ihn der Oberfeldwebel mit der Faust ins Gesicht, so dass er in den Schnee stürzte. „Du dreckiges verräterisches Schwein! Trägst eine deutsche Offiziersuniform und kriechst den Russen in den Arsch, ehe sie dich darum gebeten haben!“ Er war wohl selbst erschrocken über seinen Ausfall und wandte sich ab. Nichts geschah, doch mir hatte der Mann imponiert und aus dem Herzen gesprochen. Beck brachte aber seine Rot-Weiß-Roten dennoch zusammen und kooperierte mit den sich jetzt deutschfeindlich gebenden Kroaten, die bis zum Schluss als gute Soldaten auf unserer Seite gekämpft hatten. So unberechenbar waren die Balkanvölker. Die meisten gefangenen Österreicher fühlten sich aber noch als das was sie waren - als Deutsche. Doch das sollte sich nur all zu rasch ändern, nämlich als sie die Hakenkreuzadler von den Uniformen abtrennten und durch rot-weiß-rote Kokarden ersetzten. Es werden wohl Leute wie Beck gewesen sein, die schon früh dem österreichischen Wappenadler Hammer und Sichel in die Krallen gesteckt haben. Nein, heroisch war das Ende der 6. Armee in Stalingrad nicht. Vom deutschen Soldatenstolz war nichts geblieben. Als wir aus der Balka an den Posten vorbei herausmarschierten, gab es tatsächlich Verpflegung: ein Häufchen Hirsekörner in die aufgehaltene Hand, mit dem man nichts anfangen konnte. Man kaute die Hirse schließlich trocken herunter. Außerdem gab es noch einen Suppenwürfel, von dem man nicht abbeißen konnte. Bei einer späteren Rast wurde versucht trockenes Steppengras zu sammeln und zu entzünden, um die Würfel mit Schneewasser im Kochgeschirr aufzukochen. Das war ein recht hoffnungsloses Unterfangen. Die Halme ließen sich in der freien Schneelandschaft kaum entzünden und ergaben zu wenig Hitze. Als wir herumliegende Autoreifen entzünden wollten, verhinderten die Russen das und als wir weitergetrieben wurden, war noch nichts gekocht. Die im halbwarmen Schneewasser aufgelösten Würfel versuchte man so herunterzuschlucken. Den Durst musste der Schnee löschen. Den ganzen Tag schlichen die Kolonnen durch den Schnee dahin. Am Ende der Kolonne vernahm man die zur Gewohnheit gewordenen Schüsse. Die nächste Nacht verbrachten wir wieder im Schnee, um dann am Folgetag ohne Verpflegung weiterzugehen. Mein Schmalzfleisch und meine Eiserne Ration Kekse hatte ich längst verzehrt. Als wir durch ein langgezogenes Straßendorf mit elenden Hütten zogen, gab sich die Bevölkerung feindselig. Man beschimpfte uns in unverständlicher Sprache. Manche wollten uns anspucken, trauten sich aber nicht nahe genug heran. Wir waren schon ein rechter Elendszug, bei dem man sich nicht mehr vorstellen konnte, dass wir noch vor wenigen Wochen Soldaten einer schlagkräftigen Armee gewesen waren, die den Russen wiederholt das Fürchten gelehrt hatten. Die dritte Nacht wurde durchmarschiert. Jetzt versiegten auch meine Kräfte. Unter diesen Umständen würde ich nicht mehr ewig durchhalten, ging es mir durch den Kopf. Ich kam mit drei unbekannten Leuten aus der Kolonne ins Gespräch. Wir mussten unbedingt ruhen und schlafen. Kaum ein anderer Gedanke beschäftigte uns in diesem Moment. Wir wollten versuchen aus dem Elendswurm auszubrechen. Die Nacht war sehr dunkel und es schneite leicht. Am Tage waren wir immer wieder an alten verlassenen Feldstellungen vorüber gekommen. Die ganze Gegend musste noch voller solcher Gräben und Unterstände sein, die noch aus den Septembertagen herrühren mochten. Wir kamen überein, uns seitlich abzusetzen und ein Loch zum Schlafen zu suchen. Man könnte nicht ewig so weitertrotten und würde schließlich auch zurückfallen, vielleicht zusammenbrechen und erschossen werden. Gemeinsam machten wir linksum und gingen in die dunkle Schneelandschaft hinein. Es riefen einige aus der Kolonne hinter uns her. Die Russen hatten entweder nichts bemerkt, oder es war ihnen gleichgültig. Jedenfalls geschah nichts. Wir vier gerieten bald in kniehohen Schnee, aber dann stolperten wir auch bald in ein Grabensystem. Hier fanden wir ein überdachtes Loch, in dem einmal Fernsprecher gelegen haben mussten. Es fanden sich Drahtreste von Fernsprechkabeln und ein vergessener Erdstecker. In der Ferne sah man noch die Lichter vereinzelter Kraftwagen auf der Rollbahn, wo wir noch eben im großen Haufen mitgezogen waren. Wir verhängten den Zugang mit Zeltbahnen und verkrochen uns dicht gedrängt unter den Decken, um uns gegenseitig zu wärmen. Es wurde eine ganz erträgliche Nacht, nur der Hunger quälte mächtig. Am anderen Tag schauten wir uns um. In der Ferne erkannte man den Rollbahnbetrieb. Wir fühlten uns frei, hatten Lust uns zu den eigenen Linien durchzuschlagen. Wo waren die jetzt? Im Westen irgendwo. Wo denn wohl sonst? Zunächst suchten wir Bretterstückchen zusammen, machten ein Feuerchen zum Aufwärmen und schmolzen Schnee im Kochgeschirr. Das löschte den Durst und füllte etwas den hungernden Magen. Bei Dunkelheit wollten wir losmarschieren und verschliefen erst einmal noch den ganzen Tag. Als wir unseren Versuch bei Dunkelheit starteten, gaben wir in dem zu hohen Schnee bald wieder auf. Ein Querfeldeinmarsch war aussichtslos, kostete zu viel Kraft, die wir nicht mehr aufbringen konnten. Wir kehrten erschöpft zu unserem Loch zurück. Was nun? Man würde wohl oder übel zusehen müssen, wie der Anschluss an die Kriegsgefangenschaft zu finden sei. Als es Tag geworden war, kehrten wir zur Rollbahn zurück und marschierten an deren Rand in Richtung Westen. Es herrschte lebhafter Fahrzeugverkehr in beide Richtungen. Niemand kümmerte sich um uns abgerissene Gestalten. Schließlich gelangten wir an eine von Russen belagerte Kolchose. Aus Feldküchen roch es nach Suppe, die gerade ausgegeben wurde. Große Zelte waren aufgeschlagen, in denen sich Strohlager befanden. Von uns nahm niemand Notiz. Schließlich reihten wir uns in die Schlange der Essenempfänger ein. Als der Koch uns schon das hingehaltene Kochgeschirr füllen wollte, erkannte er uns als Deutsche und jagte uns fort. Wir drangen in eines der Zelte vor und setzten uns ins Stroh. Das Zelt war mit liegenden oder hockenden Leichtverwundeten überfüllt. Auch hier blieben wir zuerst unbehelligt. Als aber im Zelt die Essenausgabe begann und wir erneut die Kochgeschirre vorstreckten, wurden wir wieder verjagt, dann aber zu einem Offizier geführt. Von den Gesprächen verstanden wir kein Wort. Man schien uns nicht ans Leben zu wollen, war nicht unfreundlich, nur zu essen gab es nichts. Wir wurden in einen dunklen, abschließbaren Erdkeller eingesperrt, der Vorratszwecken gedient haben musste. Als sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, suchten wir nach Essbarem. Nach vielleicht einer Stunde wurden wir wieder herausgeholt und auf die Ladefläche eines offenen LKW verfrachtet. Sofort fuhr er mit uns los. Fahren ist immer besser als lauf en, dachten wir. Auf der Ladefläche standen reichlich braune Papiersäcke. Ich hatte im Saum meiner Tarnanzugshose mein Taschenmesser versteckt und schlitzte vorsichtig einen Sack auf. Er enthielt das mir schon bekannte Trockenbrot. Gierig machten wir uns darüber her. Als wir uns gesättigt fühlten, stopften wir uns noch Taschen und Rucksack voll. Der geöffnete Sack ließ sich zwischen den anderen tarnen. Vorsicht war geboten, denn immer wieder blickte ein Russe aus dem Führerhaus nach uns. Angst vor Entdeckung kam auf. Als unser Wagen dann an einer endlosen Gefangenenkolonne entlang fuhr, beschlossen wir abzuspringen und uns einzureihen. Nacheinander ließen wir uns über die Seitenwand zwischen die Gefangenen fallen, rappelten uns hoch und verschwanden getrennt in der Menge. Wir haben uns nie wiedergesehen. Das Intermezzo war beendet.

Ich war Gefangener - dieses Mal endgültig. Versäumt hatte ich nichts, war aber satt und ausgeschlafen und hatte sogar noch eine Brotreserve bei mir. So marschierte ich etwas hoffnungsvoller weiter - einem ungewissen Schicksal entgegen...

 

 

 

 

Als Artillerist in Stalingrad         Publikationen         Aquarelle eines Überlebenden         66 Jahre nach Stalingrad

 

 

Publikationen

- Bücher des Dr. Wigand Wüster -

 

 

Dr. Wigand Wüster

"Göttingen - Stalingrad - München"

Überleben war für uns nicht vorgesehen

 Selbstverlag - 2004, 30x21, 705 Seiten, Cover handsigniert

Die behütete Kindheit in Göttingen, schwere Jahre in Russland und den verdienten Lebensabend in München. Heute, über achtzig Jahre alt, wird abgerechnet. Wigand Wüster beschreibt ausführlich und in der Buchlandschaft fast einmalig sein bewegtes Leben. Mit seltener Scharfsinnigkeit geht der Autor denen an den Kragen, die Verachtung verdient haben, durchleuchtet meisterhaft komplexe Zusammenhänge vergangener und jetziger politischer Systeme und spricht dabei, fast beiläufig, vielen aus der Seele. Der Leser begreift seine Hilflosigkeit gegenüber der Obrigkeit und muss bestätigen. Nur wenige Menschen dieser Generation waren in der Lage über ihre Kriegserlebnisse oder Kriegsgefangenschaft zu berichten. Er tut es. Allein schon deshalb ist dieser umfangreiche Band lesenswert. Sein hier für die Öffentlichkeit vorgestelltes Werk will er als Lebenserinnerung verstanden wissen, doch es ist mehr...

Diese Publikation ist im Handel nicht erhältlich. Sie liegt im elektronischen Buchformat vor und kann über dieses Bestellformular auf einer CD-ROM für 12,00 EUR erworben werden.

 

 

 

"Die lustigen Hannoveraner"

Sein E-Buch beschreibt unkonventionell und vielleicht politisch nicht immer ganz korrekt zahlreiche Überlegungen zur Geschichte des heutigen Bundeslandes Niedersachsen. Wiegand Wüster war selbst viele Jahre ein treuer, aber auch konstruktiv-kritischer Diener der Bundesrepublik Deutschland.

Diese Publikation ist im Handel nicht erhältlich. Sie liegt im elektronischen Buchformat vor und kann über dieses Bestellformular auf einer CD-ROM für 12,00 EUR erworben werden.

 

 

 

"Überleben? ...war für uns nicht vorgesehen!"

Diese beiden Bände auf Kunstdruckpapier mit zahlreichen Abbildungen können zu 39,00 EUR je Band, zzgl. Versandkosten
direkt über den Sohn des Wigand Wüster (wigand.wuester@yahoo.de) bezogen werden.

 

 

 

 

Als Artillerist in Stalingrad         Publikationen         Aquarelle eines Überlebenden         66 Jahre nach Stalingrad

 

 

Aquarelle eines Überlebenden

- Bilder des Dr. Wigand Wüster -

 

Es existieren nicht viele Aufnahmen vom Stalingrader Kampfgeschehen, welche von den Soldaten gemacht wurden. Das Elend in russischer Kriegsgefangenschaft ist oft nur schriftlich dokumentiert. Der ehemalige Oberleutnant der Artillerie Wigand Wüster hat Stalingrad und die russische Kriegsgefangenschaft überlebt. Sein Trauma hat er unter anderem mit 48 eindrucksvollen Aquarellen versucht aufzuarbeiten und für die Nachwelt erlebbar zu machen.

Diese einzigartige Sammlung können Sie in exzellenter Qualität als Farbkopie im A4-Format zum Stückpreis für 3,00 EUR oder den kompletten Satz für nur 110,00 EUR direkt über den Sohn des Wigand Wüster (wigand.wuester@yahoo.de) bestellen.

 

 

 

01

Verteidigung des Badehauses

 

02

Häuserkampf

 

03

Januar 1943 - Die letzten Granaten

 

04

Die letzten Stunden

 

05

Abmarsch der Gefangenen

 

06

Nach dem Kampf - Blick aus einer Balka auf die brennende Stadt

 

07

Durchgangslager Buraki (oder auch Borowkoff, Borowki) Anfang Februar 1943

 

08

Frolow (Frolovo) am Don. Fleckfieberlazarett Frolow im April 1943

 

09

Elabuga (Jelabuga, engl. auch Yelabuga) - Blick vom Kamalager der Kama aufwärts

 

10

Elabuga (Jelabuga) - Floßbau beim Nebenlager Bolschoi Bor / Tschelni-Kama

 

11

Elabuga - Holzfällen an der Kama

 

12

Elabuga (Jelabuga) - Blick von der Kama auf das westliche Hochufer

 

13

Elabuga (Jelabuga) - Der "Informationssaal" im Kamalager

 

14

Elabuga (Jelabuga) - Kama-Anlegestelle

 

15

Bolschoi Bor - In der Erdhütte

 

16

Bolschoi Bor - Waldlager (oder auch "Lager Hilwig")

 

17

Bolschoi Bor - Holztransport im Waldlager

 

18

Selenodolsk - Im Furnierwerk

 

19

Saporoshe - Im Eisenbahnreparaturwerk

 

20

Selenodolsk - Blick auf den Wolgahafen

 

21

Selenodolsk - Blick auf die einspurige Wolgabrücke. Die Wolga war im Winter 1946/47 zugefroren. Für das Furnierwerk muss ein Floß aus dem Eis geholt werden

 

22

1944 - Klosterlager Elabuga, Der russische Lagerkommandant Oberst Nikiforoff lässt den deutschen Lagerdolmetscher Hermann eine der Lagerärztinnen imitieren, um sie zu ärgern. Rechts im Bild: die aus der Kriegsgefangenenliteratur erwähnte Ärztin Malewizkaja, wegen ihres gelben Kopftuchs "Zitronenfalter" genannt. Dieses Tuch trug sie wegen ihres Haarausfalls durch Fleckfieber.

 

23

1945 - Kamalager Elabuga Die durch Wigand Wüster im Speisesaal des Kellergewölbes entstandene Wandbemalung

 

24

1944 - Klosterlager Elabuga (Jelabuga) Starschina Schuk (russischer Feldwebeldienstgrad), der aufgrund eines zerschossenen Knies, die Treppen der Lagergebäude nur auf allen Vieren bewältigen konnte. Seine Laterne hielt er dabei mit den Zähnen.

 

25

31. Januar 1943 - Abmarsch in die Gefangenschaft

 

26

27. Dezember 1942 - Bruchlandung einer HE 111 auf dem Flughafen Morosowskaja (der wichtigste Versorgungsflugplatz 200 km westlich Stalingrads), nach dem missglückten Einflugversuch in die Stadt.

 

27

Diesem Thema etwas abgewandt, aber zum Nachdenken anregend: Das untergegangene Staatsschiff "Deutschland" mit den verschiedenen Opfergruppen.

 

28

Der gerade beförderte Generalfeldmarschall Paulus wartet auf den Abtransport durch die Russen

 

29

Die menschenunwürdigen Bedingungen während der Gefangenentransporte in die russischen Lager. Als Abort für teils über 50 Leute diente eine nach außen durch die Seitenwand geführte Blechrinne.

 

30

Letzter Aufenthaltsort vor der Gefangenschaft und im Bericht des Herrn Wüster häufig erwähnt - das Badehaus. Nach aktuellen Informationen ist auf den noch immer erhaltenen Resten des damaligen Badehauses erst kürzlich wieder eine Art Bad errichtet worden.

 

31

In der Nacht vom 14. zum 15. September 1942 hat die 71. Infanterie-Division die Wolga erreicht.

 

32

Blick in eine der zahlreichen Balkas von Stalingrad

 

33

Blick auf die schwer umkämpften Getreidesilos. Diese Bleistiftzeichnung entstand am 22. September 1942. Mit dem letzten Heimaturlaub des Oberleutnant Wigand Wüster im November 1942 ist sie mit nach Deutschland gelangt.

 

34

Das Gefangenenlager 97B in Elabuga (Jelabuga) oder auch "Klosterlager" genannt im Jahre 1943. Das vordere Gebäude in der Platzmitte ist die von den Kriegsgefangenen aus Holz errichtete so genannte "Deutschlandhalle". Vorn links unten: der Lazarettbau.

 

35

Häuserkampf, "Arbeitsgeschütz" der 2. Batterie / Artillerie-Regiment 171

 

36

Theater, Musik und Tanz - Saporoshe im Sommer 1949. Lampionfest der "Kulturgruppe" im Zivilinterniertenlager (Siebenbürger Sachsen) beim Stahlwerk.

 

37

Durchgangslager Buraki im Februar 1943

 

38

Kopie von Shishkins berühmten Gemälde "Morgen im Walde" (Morning in pine forest). Das Original entstand 1889 und Wigand Wüster malte dieses Bild während der Zeit seiner Gefangenschaft in Saporoshe des Öfteren als "Auftragsarbeit" für das russische Personal. Shishkin stammte aus Elabuga (Yelabuga).

 

39

"Kaffeehausbetrieb" im Gefangenenlager Saporoshe

 

40

Hundemord - Der Besitzer Grünpeter beim Entdecken der Tat.

 

41

Im Gefangenenlager Elabuga (Jelabuga, engl. auch Yelabuga) werden vor Hunger Hunde getötet.

 

42

Stalingrad - Beschießung des Getreidesilos

 

43

Das Durchgangslager Buraki (Borowki) im Februar 1943. Ein unfreiwilliges "Bad" im Fluss Ilowlja.

 

44

Gedanken zum Thema "Befreiung"

 

45

Sommeroffensive 1942. Rast im Wald - Stalingrad ist noch fern.

 

46

Ein von Oberleutnant Wigand Wüster eingesetztes, russisches Beutegeschütz (7,62 cm-Pak).

 

47

Gefangenentransport von Kasan (Tatarische Republik) nach Selenodolsk.

 

48

31. Januar 1943, Stalingrad Mitte, Gefangennahme durch russische Soldaten

 

49

Februar 1943, Stalingrad nach dem Ende der Schlacht

 

50

Dezember 1942, Flugplatz Pitomnik

 

51

Der "Brunnen der tanzenden Kinder" vor dem Bahnhof Stalingrad Mitte

 

52

1945, Kriegsgefangenenlager Elabuga

 

 

 

 

Als Artillerist in Stalingrad         Publikationen         Aquarelle eines Überlebenden         66 Jahre nach Stalingrad

 

 

66 Jahre nach Stalingrad

Wigand Wüster im Jahr 2009

 

Wigand Wüster mit Ehefrau Ruth

Wigand Wüster und Torben Laursen,

der "Als Artillerist in Stalingrad" ins Dänische übersetzte und

bei der Herausgabe der englischen Fassung mitarbeitete.

Wigand Wüster bei einem Vortrag über Stalingrad

 

 

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